Leichtsinnig-schwersinnig

Unsere Mannschaft ist jetzt so gut, daß sie jedes Spiel dieser Welt gewinnen kann. Dies war – fast wörtlich – die Botschaft, die unser Bundestrainer Löw zwei Tage vor dem Halbfinale-Spiel Deutschland gegen Italien in die Fußballwelt und damit die ganze (europäische) Welt gab.

Die genaue Formulierung selbst war noch schärfer.

Mit dem „unser“ vor Bundestrainer will ich sagen, daß ich sein, Löws, und seines Teams Anhänger bin. Dennoch ist eine solche Äußerung leichtsinnig, weil leider so schnell mißverständlich. „Deutschland, Deutschland über alles…“ und so weiter …klingt da so leicht an. Jedenfalls, wenn wir Deutschen sowas sagen. Auch wenn wir es ganz anders meinen.

Menschen, die auf solche Mißverständlichkeiten geradezu lauern, und die gibt es um jeden Löw, um alle Löwen dieser Welt, nehmen den, der sie äußert, ebenso schnell wie lustvoll auseinander. Und zwar unsportlich, unfair. Dabei meinen solche scheinbar leichtsinnigen Äußerungen wie die von Löw oft ihr Gegenteil. Eine solche „Angabe“ gibt nichts Leichtsinniges an, sondern oft Schwersinniges und der Bundestrainer erinnert mich an Onkel Wilhelm.

Onkel Wilhelm, wenn er einen Alte-Herren-Vereins-Lauf-Treff vor sich hat – und Onkel Wilhelm hats mit den Knien, beginnende Arthrose – dann hört sich das so an: „Denen laufe ich morgen allen davon…Ihr werdet sehen!“ Onkel Wilhelm klopft solche Sprüche, ganz unypisch für ihn, den zurückhaltenden, disziplinierten Löw-Typ in der Familie, immer dann, wenn sein Unbewußtes sehr wohl Gefahren sieht. Wenn er sich sorgt, irgendwie unterzugehen, also Angst hat – dann klopft er. Übersprungs-Verhalten nennt sich diese Angst in der Fachsprache, dem dann solche unglücklichen Formulierungen mit vorweggenommener Siegeslust entschlüpfen, eben weil man die Sorge, die Angst vor irgendetwas überspringen will.

Im Märchen von der Schneekönigin von Hans-Christian Andersen fragt die kleine Gerda ängstlich die Großmutter, ob die Schneekönigin denn hier in das Zimmer kommen könne. Bevor die Großmutter antwortet, trompetet Kai: „Laß sie nur kommen, dann setze ich sie auf den Ofen“ und er trompetet, weil auch er in einer Ecke von sich Angst fühlt. Und sie überspringt, übertönt. Durchs Trompeten. Ein Gegenteil von solchem Übersprungsverhalten ist die Enttäuschungsprophylaxe. Die betreiben die, die vor einem Event (Klassenarbeit, „Jugend musiziert-Wettbewerb“, erste Tanzstunde) ganz leise trompeten, daß es nicht gut gehen kann, vermutlich wieder schief geht.

Sowas im Munde eines Trainers vor dem Wettbewerb seiner Mannschaft wäre wirklich leichtsinnig, weil schwere Folgen zeitigend.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch im Internet unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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