Gertruds Tage

Von Hans-Helmut Decker-Voigt - Meine Menschenkenntnis ist ins Wanken geraten, ich habe mich gründlich vertan. Der Mann, den ich zu kennen glaubte, war ein Herr: Gescheitelte weiße Haare schon mit Mitte dreißig, als ich ihn als älteren Dezernenten in einer Landesbehörde kennenlernte, immer in Anzug und Weste. In seiner letzten Dienstzeit verband die Weste und die Hosentasche noch eine goldene Uhrenkette.

Das war vor 35 Jahren und er und seine Frau liebten sich seit dem Kindergarten, saßen auf unserem Sofa und hielten sich noch oder schon wieder die Händchen (seine waren Schaufeln, mit denen er ganz früher auch mal Orgel gespielt hatte, bevor er in die Wissenschaft fremdging). Jetzt starb seine Frau, als sie 60, er 62 Jahre alt war und um ihre Krankheit und ihr Sterben zu begleiten, schied er vor zwei Jahren frühzeitig aus der Behörde.

Kurz nach dem Tod seiner Frau informierte er mich, dass er sein Haus in Hannover verkaufen und in die Schweiz umsiedeln werde. Erreichbar sei er nicht mehr allgemein, sondern nur noch für wenige. Mündlich mehr beim Abschiedsbesuch. Wir kannten alle seine Niedersachsenliebe – und waren platt. Ausgerechnet er – ein Aussteiger.

Beim Abschiedsbesuch in weißem Haar und ohne Anzug, dafür lockeres Cordjacket mit Krawatte, erzählte er. Von Gertrud, zu der er jetzt zöge. Der Roman dahinter: Sehr viel früher hatte er mit seiner Frau in einem Laientheater mitgespielt. Mit dabei war eine Gertrud.

Seine Frau merkte, dass ihr Mann eine Schwäche für diese Gertrud hatte und zog ihn mit dieser Schwäche auf. Zum Beispiel in gewissen Krisen (so was ist auch nötig unter Liebenden) deckte seine Frau auf dem Tisch ein Gedeck mehr auf und dieses Gedeck war dann für Gertrud. Und der Satz war für ihn: Wenn‘s Dir mit mir nicht mehr passt – dann geh doch zu Gertrud. Aber sie liebten sich wirklich. Als seine Frau im Sterben lag, sagte sie zu ihm: Und nun geh zu ihr,

sie mag dich ja auch.

Er stöberte als Witwer jetzt diese Gertrud auf, in der Schweiz, verheiratet mit einem Mann, der aber – wie ihm Gertrud beim ersten Treffen erzählte – eine Dauergeliebte habe namens

Kathrin. Sie, Gertrud, mittlerweile auch 60, toleriere jene Kathrin inzwischen. Bei dieser Kathrin sei ihr Ehemann von Sonntag bis Dienstag. Von Mittwoch bis Samstag sei er bei ihr, seiner Frau, Gertrud. Sie hätte also Sonntag bis Dienstag frei.

Mein Bekannter! Wer hätte das gedacht. Nachdem er, höflich und konservativ wie er war, den Mann von Gertrud gefragt hat, ob er die Kathrin-Tage bekommen könnte und dieser ganz froh Ja sagte, ist er jetzt weg. Und lebt mit Gertrud an den

Kathrin-Tagen. Von Mittwoch bis Samstag. Was es für Lebensmodelle gibt!

Hans-Helmut Decker-Voigt

ist erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

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