Botschafter für Gesundheitsfragen

Sie erklären Flüchtlingen, was bei Krankheit zu tun ist

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Das deutsche Gesundheitssystem ist in vielen Punkten abstrakt. Yüksel Tuac und Ismail Yavru erklären Flüchtlingen, wie es aufgebaut ist und was sie machen sollen, wenn sie in Not sind. Dazu haben sie das Wichtigste in einem Vortrag zusammengestellt.

Uelzen. Ismail Yavru sagt: „Die Flüchtlinge haben es gut.“ Es ist ein Satz, der irritiert. Yavru, der als kleiner Junge mit seinen Eltern aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland kam, klärt aber schnell auf.

Mit seiner Aussage bezieht er sich auf die Hilfsangebote in Deutschland, die nach der Fluchtwelle im vergangenen Jahr aufgebaut wurden. Vor rund 20 Jahren, bei der Ankunft seiner Familie in Wieren, habe es Dolmetscher und Integrationsprogramme in dem Maße wie heute nicht gegeben. „Beim Arzt haben wir mit Händen und Füßen erklärt, was uns fehlt“, so Yavru. Überhaupt seien ihnen viele Abläufe nicht bekannt gewesen.

Die Erfahrungen sind für den studierten Betriebswirt Antrieb, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Ihnen soll es eben nicht so ergehen wie seiner Familie. Yavru ist einer von 18 „Gesundheitsbotschaftern“ im Landkreis Uelzen.

Im „Treff am Kö“ in Uelzen steht Yavru vor einer Gruppe von acht Flüchtlingen, erklärt, was zu tun ist, wenn es einen Notfall gibt. Sieben junge Kurden aus dem Irak sitzen vor ihm, am Kopfende hat noch eine Syrerin Platz genommen. Telefonnummern werden abgeschrieben, die am Flipchart stehen: 112 und 110.

Der Landkreis Uelzen hat in Zusammenarbeit mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum das Projekt „Gesundheit mit Migranten für Migranten“ (kurz MiMi) auf die Beine gestellt (siehe Kasten). Grundlagenwissen zum deutschen Gesundheitssystem wird vermittelt. Yüksel Tuac, die das MiMi-Programm im Landkreis betreut, sagt, dass „Welten“ beim Thema Gesundheit und Gesundheitsvorsorge aufeinanderstoßen. Ein so ausdifferenziertes Gesundheitssystem wie in Deutschland gebe es in den Herkunftsländern vieler Flüchtlinge nicht, so Tuac. Der Facharzt ist damit im wahrsten Sinne des Wortes ein Fremdwort. Und: In den Herkunftsländern sei es üblich, das jeder Besuch beim Arzt bezahlt wird. Aus Angst, dass es sich so auch in Deutschland verhalten könne, würden Flüchtlinge, so die Erfahrungen von Tuac, den Gang zum Arzt vermeiden. Eine rechtzeitige Behandlung könne aber gegebenenfalls Schlimmeres verhindern. Der 20-jährige Khalid H., einer der Teilnehmer, erzählt in einer Pause, dass jede Behandlung im Irak zu bezahlen sei. Wer sie sich nicht leisten könne, versuche, von Verwandten Geld für den Arztbesuch zu leihen.

Es stoßen Welten aufeinander – Yüksel Tuac

Khalid hat wie die anderen Flüchtlinge die Jacken angelassen. Ob sie wissen, dass noch gut zwei Stunden Programm vor ihnen liegen? Gut eine Stunde haben sie bis zur Pause schon zugehört.

Das Gesundheitssystem ist ein weites Feld. In der kurdischen Sprache Kurmanci hat Yavru bereits erläutert, dass Ärzte Rezepte für Medikamente ausstellen, die dann in einer Apotheke abzuholen seien. Er hat eines mitgebracht, damit sich die Flüchtlinge ein Bild davon machen können. Auch seine Krankenkassen-Karte lässt er herumgehen.

Tuac: „Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge etwas in die Hand nehmen können.“ Vieles bleibt aber abstrakt: Yavru müht sich, zu erklären, was unter dem Begriff „Einverständnis-Erklärung“ zu verstehen ist. Yüksel Tuac springt ihm zur Seite, erklärt lieber einmal mehr, was gemeint ist. „Wir müssen die Kurse möglichst leicht verständlich halten“, sagt die MiMi-Koordinatorin.

Von Norman Reuter

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