Archäologen graben auf altem Langobarden-Friedhof / Fundstücke geben Rätsel auf

Unter der Sonne von Nienbüttel

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Zwei Wochen lang haben die Archäologen auf dem Langobarden-Friedhof beim Gut Nienbüttel gegraben.

Natendorf-Nienbüttel. Es ist dieselbe Sonne wie vor 2000 Jahren, die gestern auf einen Acker in der Nähe von Natendorf brennt. Weithin sichtbar weht ein weißer Sonnenschirm auf der Kuppe beim Gut Nienbüttel, doch die Archäologen, die hier arbeiten, schützt er nicht.

In der Sonne liegt auch eine freigelegte Urne, die von den damaligen Bewohnern, den Langobarden, auf ein paar Steinen stehend vergraben wurde – ein neuer Einblick in einen Friedhof, der bereits vor gut 100 Jahren von Gustav Schwantes entdeckt wurde.

Mit der Metallsonde wird nach Fundstücken gesucht.

Mit einem Stückchen Holz kratzt Luisa Bierstedt die Erde zwischen den Steinen heraus, um die schwarz gebrannte Urne nicht zu beschädigen, in der einmal ein Verstorbener nach der Einäscherung beigesetzt wurde. Das Fundstück wird später komplett geborgen und mit Gips stabilisiert, um es zur Untersuchung im Labor mitzunehmen. Dort wird die Archäologie-Studentin mit feinen Instrumenten nach Grabbeigaben und Knochenbruchstücken suchen, dem sogenannten Leichenbrand. Häufig legten die Angehörigen die Schädelstücke zu oberst, erzählt sie.

Der obere Rand der Urne wurde offenbar vom Pflug eingedrückt. Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann folgert daraus, dass archäologische Stätten wie der Langobarden-Friedhof von Nienbüttel gesichert werden müssen. Mit dem Pächter der Fläche ist deshalb abgesprochen, dass er flacher pflügt. Im nächsten Jahr sollen Luftbilder Aufschluss über die Struktur des Friedhofs bringen. Sie könnten sich im Getreide abzeichnen.

Grundeigentümer Georg Meyer weiß noch aus Erzählungen, wo Gustav Schwantes gegraben hat. Der Vater der modernen Archäologie fand insgesamt 500 Urnen sowie Schwerter, Lanzenspitzen und andere Grabbeigaben, doch es sind noch viel mehr Gräber vorhanden, wie die Grabungsleiter Dr. Melanie Augstein (Universität Leipzig) und Prof. Hans-Jörg Karlsen (Universität Rostock) im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts feststellten. Insgesamt 170 Funde wurden bei der aktuellen Grabung zutage gefördert.

Über die Herkunft der Toten kann Prof. Karlsen nur Vermutungen anstellen. Sie könnten aus einem bislang unbekannten Langobardendorf stammen, fünf bis sechs Höfe, deren 50 bis 100 Bewohner sich selbst versorgten, aber als Freie auch Waffen trugen.

Als rostiger Schatten ist der Metallbuckel eines Schildes im Lehmboden erkennbar.

Die Grabungsstelle entdeckten die Archäologen mit Hilfe einer Metallsonde. Da, wo sie anschlug, fand sich ein rostiger Ring im Boden, der gerade mit der Kelle freigelegt wird – der Eisenbuckel eines Holzschildes, der offenbar mit der Rückseite nach oben vergaben wurde. Nebenan kam eine zehn Zentimeter lange Speerspitze zum Vorschein. Diese Funde – beide ohne Grab – beschäftigen die Phantasie der Archäologen. „Es zeichnet sich ab, dass sich hier ganz komplizierte rituelle Handlungen abgespielt haben“, erklärt Melanie Augstein. Möglicherweise durften die persönlichen Waffen nicht in die Hand eines anderen gelangen.

Von Gerhard Sternitzke

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