Ein Ebstorfer erobert die Laufstege: Männermodel Kassem Salim über Muskeln, Neider und den harten Weg zum Erfolg

Kassem Salim: "Ich bin dann Gucci“

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Gestern in Berlin, morgen in New York: Männermodel Kassem Salim erobert derzeit die internationalen Catwalks. Im Interview mit der AZ beschreibt der Ebstorfer die Schattenseiten des Model-Alltags, die verrückten Outfits der Star-Designer und verrät, was er mit Fußballprofi Christiano Ronaldo gemeinsam hat.

Uelzen/Ebstorf. Nach der Fashion Week ist vor der Fashion Week im Leben von Kassem Salim. Der Ebstorfer erobert als Model die Catwalks der großen Modemetropolen.

Gerade erst aus Berlin abgereist, steht schon der nächste Job vor der Tür: Kassem Salim reist zur Fashion Week nach New York. Zuvor traf er sich mit AZ-Volontärin Anna Petersen. Für das Gespräch schlägt er eine Uelzener Kneipe vor. Auch die Bestellung ist schnell aufgegeben: Die Wahl fällt auf grünen Tee.

AZ: Grüner Tee – eine gesunde Wahl. Dich darf man ja fragen: Musst du sehr auf deine Ernährung achten? 

Kassem Salim: Ach, ich bin da nicht so verkrampft und verzichte auf Hamburger und solche Dinge. Ich möchte sogar behaupten, dass 60 oder 70 Prozent der Männermodels, die ich kenne, rauchen und Fastfood lieben. Ganz am Anfang bin ich noch drei- bis viermal pro Woche Joggen gegangen und habe meine Ernährung eingeschränkt. So ein Quatsch! Sicher, man muss schon ein wenig auf die Figur achten, aber in meinem Fall reicht es, gesund zu essen und das Fitnesscenter zu besuchen.

Aus der weiblichen Modelszene hört man häufig andere Geschichten. Herrscht bei den Männern Muskel- statt Magerwahn? 

Es gibt zwei Kategorien: Die Skinny und die Strong Guys. Die dünnen und die breiten, muskulösen Typen. Ich war bislang immer skinny, Pariser Typ sagt man dazu. Da braucht man keine Muskeln. Aber jetzt habe ich angefangen, mehr zu trainieren, um in die andere Sparte zu passen. Bei den Strong Guys ist es etwas wie bei Bodybuildern: Sie achten mehr auf Körper und Ernährung. Bei den Mädels ist es aber viel, viel schlimmer...

Und du musst es ja wissen: Es gibt kaum eine europäische Modemetropole, die Du in den vergangenen Monaten ausgelassen hast... 

Das stimmt. Ich war in Paris, Mailand, Zürich, London und Berlin. Und der größte Schritt steht jetzt bevor: Eine New Yorker Agentur hat mich vor zwei Wochen in Mailand entdeckt. Wie es aussieht, kann ich am 7. Februar in die Staaten fliegen – zur Fashion Week. Das Visum ist schon beantragt.

Apropos Fashion Week: Wie lief es für dich eigentlich in Berlin in der vergangenen Woche? 

Eigentlich war ich gerade in Mailand. Da hat mich ein Designer aus Berlin – ohne Cas-ting – direkt für eine Show in die Hauptstadt einfliegen lassen. Da bin ich dann mit zwei Looks über den Laufsteg gelaufen – einmal mit Mädchen, einmal allein.

Hübsche Begleitung hast du ja häufiger – auch auf den Bildern. 

Aus irgendeinem Grund halten es die Kunden immer für eine gute Idee, dass ich mit Mädchen posiere. Einzelbilder könnte ich viel besser für meine Mappe verwenden. Aber nicht, dass ich was gegen Mädels hätte...

Schöne Städte, schöne Frauen. Weckt das nicht auch Neider? 

Ach, Christiano Ronaldo hat auch tausend Neider. Das ist mir egal – auch, dass die Reaktionen auf meine Aufträge nicht immer nur positiv sind. Gerade die Älteren aus meinem Bekanntenkreis haben sich schon ab und an darüber lustig gemacht. Man kann ja nicht immer in einem krassen Anzug von Hugo Boss vor der Kamera stehen. High Fashion gehört auch dazu, also die schrägeren Sachen.

Was war denn das Verrückteste, was du in deinem Job bislang tragen musstest? 

Eine Perücke mit langen schwarzen Haaren. Die war sehr verrückt. Und in Berlin letztens hat man meine Unterwäsche gesehen. Das fand ich auch zuerst komisch, aber darüber darf man sich keine Gedanken machen. Ich bin nicht Kassem Salim, wenn ich über den Catwalk laufe. Ich bin dann Gucci oder Michael Michalsky. Ich bin die Klamotte und nichts anderes. Es ist und bleibt ein Job.

Wie bist du überhaupt zu diesem Job gekommen? 

Das war vor zwei Jahren. Ich war mit meinem Kumpel in der Hamburger Mönckebergstraße shoppen, als uns plötzlich eine Model-Agentin ihre Visitenkarte in die Hände drückte und sagte: „Schon mal daran gedacht, mit deinem Gesicht Geld zu verdienen?“ Das ist übrigens auch die Agentur von Boris Beckers Tochter. Das wusste ich aber damals noch nicht und wollte da zuerst auch gar nicht hin, aber mein Kumpel hat mich überredet. Ich habe das nicht ernst genommen, bin in diese Villa gestapft und habe ziemlich frech gesagt: „Jo, wir wollen Models werden!“ Wir wurden dann direkt vermessen – mit dem Ergebnis, dass mein Freund zu klein war, aber ich auch noch Fotos machen lassen sollte – auch oben ohne. Da habe ich mich geweigert, weshalb ich es erst einmal für einen Fake gehalten habe, als mir die Agentur eine halbe Stunde später einen Vertrag angeboten hat. Das war an einem Montag, am Mittwoch saß ich im Zug nach Berlin, wo ich dann für Michael Michalsky alle Looks präsentiert habe. Ich war quasi seine Muse. Ich dachte: „Jetzt werde ich berühmt. Auf mich haben sie gewartet!“ Das war naiv. Es ist ein harter und langer Weg zum Erfolg.

Und hast du schon eine Idee, bis wohin dieser Weg führen soll? 

Full-Time-Modeln kommt noch nicht infrage, weil ich ja derzeit auch Wirtschaftspsychologie in Lüneburg studiere. Leben kann ich davon sowieso noch nicht. Klar will ich da was erreichen, aber ich halte mir noch alle Türen offen.

Ist es nicht stressig, neben dem Studium ständig von A nach B zu fliegen? 

Man wird immer für zwei bis vier Wochen komplett aus seinem Alltag gerissen. Die Agenturen lassen einen ja nicht für fünf Tage einfliegen. Man lebt dann in einem Appartement oder einem billigen Hotel, nicht im „Four Seasons“. Oft bekommt man einen neuen Haarschnitt, manchmal auch ein komplettes Outfit, eine U-Bahn-Karte und einen Stadtplan. Damit rennt man dann von Casting zu Casting, wartet stundenlang in einer Schlange mit 500 anderen hübschen Jungs aus Korea, New York oder Ebstorf, um dann einmal vor dem Designer auf und ab zu laufen und sich nach 30 Sekunden sagen zu lassen, dass alles umsonst war. Oft läuft es so. Wenn man aber irgendwo ins Konzept passt, geht’s zur Anprobe und man bekommt nach einigen Tagen die Nachricht, ob es wirklich klappt. Das ist nicht für jeden was.

Genauso wie manch gewagte Kollektion der Star-Designer. Gibt es denn etwas, was der modebewusste Mann 2015 unbedingt im Schrank haben sollte? 

Früher war ich total eitel, wenn es um Klamotten ging. Jetzt reichen mir Jeans und T-Shirt. Aber was ich in Berlin oft gesehen habe, ist die Kombination aus Shirt mit V-Ausschnitt mit Jeans und Jackett. Damit ist Mann immer auf der richtigen Seite. Beim Jackett ist wichtig, dass es passt, weniger die Farbe. Aber man sollte Turnschuhe dazu tragen, damit das Outfit nicht zu förmlich wird. Vielleicht werde ich mir demnächst auch so ein Jackett zulegen.

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