Landwirte Arnold Kröger und Henning Schulz blicken auf Regierungswechsel in Niedersachsen

Hoffnung für den Tierschutz

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Das Thema Massentierhaltung und die damit verbundenen Gefahren wie Keimbelastung, Überdüngung und Grundwassergefährdung sowie Tierschutzfragen bei Haltung, Transport und Schlachtung haben für Arnold Kröger eine Rolle bei der Wahlentscheidung gespielt.

Barnsen/Melzingen. Der Wechsel der Regierung im Land Niedersachsen steht kurz bevor. CDU und FDP werden abgelöst von SPD und Grünen. Nun gibt es eine Menge Berufsgruppen, die der Meinung sind, einen Nach- oder Vorteil durch den Regierungswechsel spüren zu können.

Dazu zählen auch die Landwirte. AZ-Redakteur Jörn Nolting hat sich mit Arnold Kröger aus Barnsen, der einen Biobetrieb führt, und dem konventionellen Landwirt Henning Schulz aus Melzingen unterhalten. Der Melzinger Landwirt bewirtschaftet 150 Hektar Ackerfläche und hält 280 Zuchtsauen und Nachzucht. Dazu betreibt er eine angeschlossene Biogasanlage. Arnold Kröger bewirtschaftet 60 Hektar Acker und 15 Hektar Grünland. Zur Viehhaltung gehören eine kleine Mutterkuhherde (fünf Kühe mit Nachzucht) und zwei Pferde.

AZ: Welche Bedenken oder welche Hoffnungen haben Sie in den Regierungswechsel? Müssen konventionelle Landwirte Angst haben, dass Öko-Bauern besser gestellt werden?

Arnold Kröger: Ich begrüße den Regierungswechsel, denn nicht nur im Agrarbereich sind Veränderungen nötig, auch in der Sozial- und Bildungspolitik gilt es, Defizite aufzuarbeiten. Ich hoffe, dass die neue Landesregierung hier gegen bestehende Widerstände und Lobbyistengruppen wirklich etwas ausrichten kann. Natürlich brauchen konventionelle Landwirte keine Angst zu haben, schlechter gestellt zu werden. Die möglichen Fördermöglichkeiten sind teilweise gleich, teilweise auf die spezielle Wirtschaftsweise zugeschnitten. Hier sollte nicht pauschal geurteilt und sollten „Feindbilder“ vermieden werden.

Henning Schulz: Grundsätzlich habe ich keine Bedenken, dass Öko-Bauern besser gestellt werden. Konventionelle und ökologische Produkte existieren schon länger nebeneinander und Öko-Bauern werden von der EU auch schon länger stärker unterstützt als konventionelle Betriebe. Dieses war für uns aber auch nicht zum Nachteil, da der ökologische Markt bisher durch den höheren Preis ein Nischenmarkt ist. Ich habe die Hoffnung, dass die neue Landesregierung den geplanten Tierschutz mit Sachverstand und der praktischen Landwirtschaft gemeinsam umsetzt.

AZ: In welchen landwirtschaftlichen Bereichen rechnen Sie mit einem Unterschied zu vorher?

Kröger: Die Ökologisierung der Landwirtschaft und der Verbraucherschutz werden hoffentlich einen größeren Stellenwert einnehmen. Die Konzentration der Flächen auf weniger Betriebe („Wachsen und weichen“) wird bei konventioneller und ökologischer Bewirtschaftung weiter zunehmen.

Schulz: Ich denke, dass die neue Landesregierung versuchen wird, die Tierhaltung in Niedersachsen zu revolutionieren. Weiterhin wird es sicherlich Veränderungen im Bereich Düngung und Pflanzenschutz geben. Dieses wird aber nicht grenzenlos möglich sein, da viele Gesetze und Verordnungen schließlich in Brüssel festgeschrieben werden. Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir in einem globalen Markt erzeugen und der Verbraucher durch sein Kaufverhalten entscheidet, was erzeugt werden soll.

AZ: Inwieweit, schätzen Sie, spielten das Thema „Massentierhaltung“ oder andere landwirtschaftliche Brennpunkte bei den Wählern eine Rolle? Oder das Thema Flächenverlust durch Bau der A 39?

Kröger: Das Thema Massentierhaltung und die damit verbundenen Gefahren wie Keimbelastung, Überdüngung und damit Grundwassergefährdung sowie Tierschutzfragen bei Haltung, Transport und Schlachtung haben sicher auch eine Rolle bei der Wahlentscheidung gespielt. Aber auch andere Probleme wie Flächenverlust gibt es nicht nur bei einem möglichen Bau der A 39; hier hofft jeder potenziell Betroffene, dass er vielleicht doch nicht betroffen ist.

Schulz: Ich denke, dass das Thema A 39 in unserem Wahlkreis deutlichen Einfluss auf das Wahlergebnis hatte. Allerdings glaube ich, dass niedersachsenweit die Massentierhaltung und die A 39 zum Wahlergebnis keine größere Rolle gespielt haben als beispielsweise die Studiengebühren oder auch die Bildungs- und Familienpolitik.

AZ: Die bisherige Landesregierung wollte die Landwirtschaft transparenter machen. Halten Sie diese Idee für gut und sollte sie weitergeführt werden? Beispiel: Tag des Hofes.

Kröger: Transparenz ist grundsätzlich gut. Wenn „Tage des offenen Hofes“ allerdings einen Streichelzoocharakter erhalten, geht das an der Realität oft vorbei. Es sollte dann auch Transparenz in den Bereichen Schlachtung, Verarbeitung und Kennzeichnung von Lebensmitteln herrschen. Hier werden Verbraucher durch Verpackung und Werbung oft getäuscht.

Schulz: Das ist weiterhin der richtige Weg, die Landwirtschaft transparenter zu machen. Wir Landwirte erzeugen unter sehr guten Bedingungen gesunde Nahrungsmittel mit höchster Qualität. Es gibt also keinen Grund, warum wir uns vor der Öffentlichkeit verstecken sollten. Für uns ist es wichtig, dem Verbraucher wieder den Bezug zur Landwirtschaft zu geben.

AZ: Biozertifizierung – der Begriff Bio wird teilweise sehr inflationär benutzt. Muss der Bereich mehr eingegrenzt werden?

Kröger: Begriffe wie „Bio“ oder „Öko“ sind geschützt. Jeder, der diese Begriffe verwendet, muss sich kontrollieren lassen. Allerdings werden zahlreiche Begriffe in der Werbung verwendet, die den Anschein seriöser Bioware suggerieren, es aber tatsächlich nicht sind, zum Beispiel „naturnah“, „umweltfreundlich“ oder „kontrolliert“. Auch das neue „Tierschutzlabel“ gehört in diesen Bereich.

Schulz: Ich denke, dass der eigentliche Biobereich wieder stärker abgegrenzt werden sollte, damit der Verbraucher auch wirklich erkennen kann, was er kauft. Weiterhin fände ich es wichtig, dass der Verbraucher erkennen kann, wo das Erzeugnis herkommt und welche Wege es hinter sich gebracht hat. Nur so ist es möglich, deutsche regionale Erzeugnisse dem Verbraucher näher zu bringen. Dies ist für ökologische und konventionelle Produkte gleichermaßen von Bedeutung.

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