Christa von Winning wird heute 100 / Das Arboretum in Melzingen entsprang ihrer Idee

Ein grünendes Lebenswerk

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Ihr verdanken die Melzinger ihren Spaziergang im Grünen: Christa von Winning feiert heute ihren 100. Geburtstag.

Melzingen. Christa von Winning ist eine entzückende alte Dame, wobei die Betonung auf Dame liegt. Sie besitzt den Witz und Charme einer Frau, der man nichts vormacht. Und dass sie heute auf ihren 100.

würde anstoßen können, hat sie sich immer gewünscht, wenn sie früher schelmisch sagte, sie sei „fünf Minuten vor 100“. Ohne die Jubilarin ist das Arboretum Melzingen nicht zu denken, denn sie pflanzte vor über 60 Jahren den ersten Baum: Einen Birkenschößling vom Wegesrand.

Es ist nicht auszudenken, wenn die knapp zwei Hektar unter die Barbaren gefallen wären. Denn als Christa von Winning vor zwölf Jahren ihren Baumgarten wirklich nicht mehr alleine pflegen kann – immerhin ist sie damals schon 88 – steht auch in Erwägung, das Ganze abzuholzen und vielleicht als Bauland umzuwidmen. Zum Glück ist es so weit nicht gekommen, weil sich rechtzeitig Unermüdliche fanden, die das Territorium, obwohl schon seit 1950 im Besitz der Gärtnerin aus Leidenschaft, erst einmal im Grundbuch absichern und dann mit viel ehrenamtlicher Arbeit dieses Arboretum Melzingen für Besucher öffnen. Damit erfüllten sie einen sehnlichsten Wunsch.

Christa von Winnings Leben ist zu Beginn sehr glanzvoll. Geboren im Jahr 1912 als Kind eines Arztes, der in Berlin in einem Atemzug mit Ferdinand Sauerbruch genannt wird und zu dessen Patienten der letzte deutsche Kaiser gehört, leidet sie keine Not. Zum klassizistischen Wohnhaus gehören 5000 Morgen (1250 Hektar) Wald und ein riesengroßer Park. Natürlich darf das Mädchen lernen. Tanzen und reiten – arbeiten darf sie nicht. Trotzdem setzt sie sich durch und schließt eine Gärtnerlehre in den Tiergarten-Gärtnereien ab, weil es sie verrückt gemacht hatte, wenn der eigene Gärtner, der Herr Neumann, auf ihre Fragen immer antwortete: „Das verstehen Sie nicht, Frollein!“. Sie wollte es aber verstehen.

Im Jahr 1945 kommt Christa von Winning in der Heide an, denn natürlich hatte man Angst „vor den Russen“. Da gehören vier kleine Kinder zu ihr und sie ist verheiratet mit einem Mann, der „zwei linke Hände“ hatte. „Aber charmant war er und tanzen konnte er und reiten….“ Solche Gaben jedoch helfen hier vorerst nicht weiter. Im Jahr 1950 bekommt die Familie als Flüchtlinge das Land, auf dem sich heute das Arboretum befindet.

Christa von Winning pflanzt den ersten Baum um des symbolischen Anfangs Willen. Heute kann sie die inzwischen stattliche Birke von ihrem Wintergarten aus sehen. Dann beginnt ein arbeitsreiches und bescheidenes Leben: Der Garten wird bewirtschaftet zur Selbstversorgung und zum Blumenverkauf. Nächtelang habe man Blumensträuße gebunden, um sie in Uelzen auf dem Markt zu verkaufen. Die wunderbunten Gebinde sind bei den Alteingesessenen noch heute legendär. Jahrzehnte lang beschickt Christa von Winning den Markt. Zuerst fährt sie mit dem Fahrrad, dann mit dem Ponywagen, am Schluss reichte es für ein Auto! Zu diesem Zeitpunkt erwirbt sie ihren Grund und Boden auch käuflich. Allerdings nur per Handschlag, wie sich vor zwölf Jahren herausstellen sollte.

Als die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, beginnt ein zweites Leben: Das für ihre Bäume. Die Gärtnerin wird Mitglied in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (Baumkunde) und beginnt ab 1968 ihre Urlaubsreisen, die immer Gartenreisen sind. Hatte sie vor der Grenzschließung viele Baumsamen aus ihrem elterlichen Park mitgebracht, so hat sie jetzt aus aller Welt Minibäumchen oder wenigstens Samen dabei. So sind über die Jahre 700 Arten und Sorten (mit Stauden) zusammen gekommen. Das Arboretum Melzingen gehört zu den artenreichsten in Deutschland.

Hat man, so Floras Kindern verbunden, einen Lieblingsbaum? „Alles was blüht, ist schön“, kommt die Antwort sofort. Vor ihrem Fenster quillt im Frühjahr eine Weigellie über vor lauter Blütenpracht. Im August wird eine nordamerikanische Catalpa alle Insekten und Besucherblicke anziehen. Der Kirschapfel stammt aus dem Park der Jugendtage. Christa von Winning ist mit ihren Dendrologen um die Welt gereist. Von nahezu überall her hat sie Bäume in Melzingen gesammelt (letztlich ist das ja klimaabhängig!). Wenn ihre Kinder sie ins Rheinland holen wollen, wo eine Wohnung auf sie wartet, sagt sie ihnen: „Kinderchen, was soll ich am Rhein, hier habe ich meine Bäume.“

Hat sie ein Rezept fürs Jungbleiben? „Viel Arbeit“, erwidert sie. Und gegen die Falten? „Nur Glyzerinseife und frische Luft!“ Es ist ein erstaunliches Leben und ein turbulentes Jahrhundert, auf das Christa von Winning blickt.

Ein Leben, das sie inzwischen ein wenig müde werden ließ, aber rastloses Tätigsein war für ihren Garten, für ihre Bäume, die sie allesamt mit Namen kennt.

Von Barbara Kaiser

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