NS und danach

Die Vergangenheiten der Bürgermeister von Bevensen sollen auf ihre Zugehörigkeit hin untersucht und dokumentiert werden – u. a. die von Hermann Schulz, bis Ende der 80er Bad Bevenser Bürgermeister, dann MdL (AZ vom 12. 2. ).

Was schon klar ist: Er war Mitglied der NSDAP und als 18-Jähriger in die SS eingetreten.

Solche Dokumentationen anzuregen ist und war immer Aufgabe der Jungen, von Nachfahren – auch schon vor 1968 und erst recht danach. Einige von uns arbeiten an dieser Aufgabe bis heute.

Dem vergleichsweise jungen Bürgermeister Feller im heutigen Bad Bevensen steht solche Aktivität gut an und zeugt nicht nur von Fleiß, sondern von Bewusstheit dessen, was moralische Verantwortung gegenüber der Kultur von Politik ist.

Nur – wie soll das gehen, was geplant ist? Nämlich mit dieser Dokumentation „keinerlei Schuldzuweisung zu verbinden“ und die in der Demokratie der BRD erworbenen Verdienste nicht zu schmälern?

Die gute Absicht oder auch eine noch so kluge Berichterstattung in der AZ (als ein Organ der 4. Gewalt in einer Demokratie) wird nicht verhindern, daß die „5. Gewalt“ (eine Begriffsnutzung des ZEIT-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo) zur Kommentierung im Netz einlädt, zu Leserbriefen, zu Statements in Facebook, in extra Chatrooms. Es gibt ausgezeichnete, weiterhelfende Leserbriefe, Statements und Chat-Kommentare – aber es gibt auch diese irre hohe Zahl von wirren Menschen, die jedwede solcher Nachrichten und Dokumentationen aufblähen, interpretieren, fortsetzen und wieder Vierte und Fünfte nehmen deren Interpretationen, die Vermutungen als Realität. Und gebärden sich, wie wenn sie die Opfer von damals waren. Die Funktion des Netzes als Transportmittel von mehr Demokratie dorthin, wo diese nicht ist, unbestritten, aber das Netz wird auch mißbraucht von Destrukteuren jeder Art und Altersstufe. Hosianna- und Kreuziget-ihn-Rufe wechseln würfelhaft.

Ich würde dies nicht schreiben, wenn bei den (verstorbenen) Bürgermeistern oder wem auch immer oder den noch lebenden und mitten unter uns arbeitenden früheren Rollenträgern der DDR der Verdacht auf Straftaten, auf Verbrechen bestünde, auf Entgleisungen und Machtmißbrauch zulasten anderer bestünde. Das ist hier, verstehe ich, jedoch nicht der Anlaß. Anlaß ist die Information der Zugehörigkeit zu NSDAP und SS.

Gibt es nicht Hinterbliebene von Herrn Meyer, den ich noch gut erinnere wie so viele. Kinder, Enkel? Die jetzt erleben müssen, dass über die Mühen eines Neuanfangs ihres Vaters oder Großvaters nach 1945 (da waren viele der damaligen Hermann Meyers gerade Anfang 20) die Decke einer noch frischeren Erinnerung gezogen wird? Die Erinnerung an eine Vergangenheit, die sie genauso mit Unverständnis und Entsetzen betrachten dürften wie die meisten.

1949 gab es in Celle, (dem „braunen Celle“) einen Geistlichen, in dessen Nachbarschaft sich fast gleichzeitig in „freie“, d.h. noch nicht hoffnungslos mit Flüchtlingen überfüllte Wohnungen eine Gräfin Moltke meldete, eine Dame aus dem unmittelbaren Kreis um den 20. Juli-Widerstandskämpfer James Graf. Und ein General der Waffen SS, der die Untersuchungen und Prozesse der Alliierten gegen ihn anders, nämlich freigelassen, überstand als seinesgleichen. Die beiden würden Gegenüber-Nachbarn sein müssen und der Geistliche vermittelte ein Gespräch mit beiden Seiten, weil er (selbst Widerstandskämpfer) Erfahrungen mit beiden Seiten hatte.

Damals wurde in dem Gespräch ein Schlussstrich gezogen. Und nur dies ist meine Frage: Wann, ja wann, gelten Schlussstriche? Wenn sie denn gezogen werden. Und wann und unter welchen Bedingungen ziehen wir Schlußstriche mit denen, die in der DDR etabliert waren und noch unter uns leben und kräftig und konstruktiv in dieser heutigen BRD mitarbeiten. PS: Dass er an keinen nachweisbaren Straftaten, Genoziden, Verbrechen beteiligt war, konnte der SS-General wirklich nachweisen. Weil er seine Rolle im hohen Rang nutzte als Spion für die Alliierten...

Forschen und dokumentieren wir fleißig weiter. Aber achten wir auch auf die achtbaren Leistungen derer, die sich authentische Mühe zum politischen wie seelischen Wechsel gaben ohne Wendehälse zu sein.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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