Ich bin... der gute Hirte

„Ein Mitläufer! Ein willenloses Schaf! Möchtest du so etwas sein?“ – Es geht gerade hoch her zwischen Hannes und seiner Tochter Hanna. Ich hatte sie am Tisch vor der Eisdiele gesehen und setzte mich dazu.

Während Hanna kurz Luft holte, brachte mich Hannes auf den Stand der Dinge: „Hanna hat doch bald Konfirmation. Und sie darf sich ihren Konfirmationsspruch selbst aussuchen.“ – „Papa will, dass ich seinen nehme“, fuhr Hanna dazwischen. – „Ich habe dir nur einen Vorschlag gemacht, weil du überhaupt keine Vorstellung hast.“ Hannes sah mich Hilfe suchend an. „Bei wem hast du denn eigentlich Konfirmandenunterricht?“, fragte ich Hanna und sie lächelte zurück. „Wir haben doch ausführlich darüber gesprochen. Dass es in der Kirche die Tradition gibt, Menschen mit einem Gottesdienst zu begleiten, wenn sich in ihrem Leben etwas verändert. Und als Erinnerung daran und als guten Wunsch für die Zukunft gibt es einen besonderen Bibelspruch.“– „Bei Hochzeit oder Taufe verstehe ich das auch“, sagte Hanna. „Aber Konfirmation. Es verändert sich doch nichts in meinem Leben. Ganz im Gegenteil: Es bleibt alles so schrecklich, wie es ist.“ „Aber“, entgegnete ich ihr, „das ist doch gerade die Veränderung. Oder warum hast du wohl die letzte Zeit so viel Stress mit deinen Eltern? Ihr Konfirmanden seid auf dem Weg, erwachsen zu werden. Das ist heute nicht mehr so deutlich wie früher – etwa bei euren Großeltern. Für viele war damals mit der Konfirmation auch die Schulzeit zu Ende. Schon wenige Tage später fingen sie ihre Arbeit oder Berufsausbildung an. Oft mussten sie ihr Zuhause verlassen und dort wohnen, wo sie arbeiteten. Das war ein großer Schritt in die Welt der Erwachsenen. Heute ist alles anders, aber ihr merkt trotzdem, dass sich für euch etwas verändert. Ich habe das Gefühl, dass ihr hin- und hergerissen seid. Ihr wollt selbstständig sein, aber nicht unbedingt die Verantwortung für eure Entscheidungen tragen. Und ihr seid auf der Suche nach eurem weiteren Weg.“ Hanna überlegte und ich fragte Hannes: „Was hast du ihr denn angeboten?“ – „Na, meinen Konfirmationsspruch: ,Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.’“ – „Das ist doch eigentlich ganz passend“, dachte ich laut. „Und mit willenlosem Schaf hat das nichts zu tun. Für die Menschen zur Zeit Jesu war der Hirte kein Bild für kitschige Romantik, sondern für harte und oft gefährliche Arbeit. Ein guter Hirte weiß sich verantwortlich für die Schafe, die ihm anvertraut sind. Er schützt und begleitet sie und gibt ihrem Weg die richtige Richtung. Er kennt sie und sie folgen ihm, weil sie ihm vertrauen. Und wer sich mal verlaufen hat, kann sich an seiner Stimme immer wieder orientieren. Das ist doch ein interessantes Angebot für eine Begleitung durchs Leben. Und wir haben versucht, es euch im Konfirmandenunterricht zu vermitteln. Ich finde, Hanna, dass dieses Wort als Spruch zu dir passen könnte. Aber du hast ja noch ein paar Tage Zeit zum Überlegen.“

Von Uwe Mestmäcker

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