Heiner Scholing über die Umstellung vom Gemeinderat Bienenbüttel zum „Planeten“ Hannover

„Wer ist dieser Mann?“

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Der Bahnhof Uelzen ist für Heiner Scholing, 60, inzwischen zu einer zweiten Heimat geworden. Für sein Amt als Landtagsabgeordneter musste er sich radikal umstellen und viel reisen.

Bienenbüttel/Hannover. Vor genau einem Jahr steckte Heiner Scholing, heute Landtagsabgeordneter der Grünen, mitten im Wahlkampf. Der war erfolgreich: Scholing schaffte es haarscharf über die Liste in den Landtag und in die Fraktion der regierenden Parteien.

Aus dem Förderschulleiter wurde schlagartig ein Landespolitiker. Und anders als sein routinierter Landtagskollege Jörg Hillmer, der bereits seit 2003 im Landtag sitzt, musste er sich umgewöhnen. Der Landtags-Neuling im AZ-Interview:.

Herr Scholing, seit Juni 2013 gibt es über Sie einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Stolz?

(Stille, dann:) Da muss ich erstmal nachdenken. Nee. Natürlich bin ich eine öffentliche Person. Und ich muss diese Öffentlichkeit auch für mein Amt nutzen und darf mich nicht verstecken. Aber stolz bin ich wegen Wikipedia nun nicht. Ich bin froh, wenn meine Homepage gut funktioniert.

Sie sind zum Amt gekommen wie die Jungfrau zum Kind ...

... das kann man so sagen. Ich bin zwar seit 30 Jahren Mitglied bei den Grünen und war immer politisch aktiv. Aber was diese Ebene der Politik betrifft, bin ich wirklich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind.

Sind Sie denn noch hin und wieder in Bienenbüttel?

Natürlich. Ich pendle täglich, schlafe in der Regel zu Hause in Hohnstorf. Ich bin ein sehr intensiver Zugfahrer geworden, der Zug ist quasi Teil meines Arbeitsplatzes. Ich habe immer einen relativ vollen Rucksack dabei, darin mein mobiles Büro. Aber ich schlafe zu Hause, das ist mir wichtig. Ich bin von der Veranlagung her wohl ein typischer Heimschläfer.

Vermissen Sie es, Zeit in ihrer Heimat zu verbringen?

Ja. Ich schnacke gern mit Bekannten, kaufe ein, das vermisse ich. Auch in der Familie merkt man das. Meine Frau begrüßt mich abends schonmal mit den Worten: „Wer ist dieser Mann?“. Ich stelle mich dann kurz vor, dann geht es wieder.

Und die Wochenenden und Feiertage, wie Weihnachten?

Freitagabend ist leider oft ein belebter politischer Termin. Samstag ebenso. Aber die Sonntage sind wirkliche Sonntage. Und zu Weihnachten war ich zu Hause, mit meinen drei Geschwistern und den Familien, wir waren 14, 15 Personen. Ich habe die Pute gemacht – natürlich Bio –, meine Schwestern die Beilagen.

Was ist ihr Eindruck von der neuen Arbeit?

Ich finde meine neue Arbeit ein wenig zu hannoverlastig. Es fällt schwer zu erkennen, wie die Entscheidungen, an denen ich mitgewirkt habe, vor Ort wirken. Das muss ich in ein besseres Verhältnis bringen. Politik muss auch zum Anfassen sein.

Sie haben einmal vom „Planet Hannover“ geschrieben. Ist es unangenehm dort?

Gewöhnungsbedürftig, gerade bestimmte Kommunikationsstrukturen. Unangenehm sind höchstens die Umgangsformen im Plenum. Da gibt es Pöbeleien, bei denen es darum geht, den Sprechenden aus dem Redekonzept zu bringen, statt in die sachliche Auseinandersetzung zu gehen, oder skandalisierende Kommentare. Es geht zum Teil nur darum, den, der oben ist, zu schädigen.

Im Gemeinderat Bienenbüttel, in dem Sie vorher waren, war das anders?

Oh ja. Wir hatten da zwar auch zugespitzte Auseinandersetzungen. Aber im Gemeinderat ist das Miteinander mehr davon geprägt, dass man sich privat wiedersieht: Man trifft sich an der Käsetheke, und will sich noch in die Augen sehen können. Im Gemeinderat geht es zwar auch mal härter zu, aber sachlicher. Und es ist greifbarer, dass man gemeinsame Aufgaben angeht.

Haben Sie das Gefühl, in Bienenbüttel von „Ihren“ Grünen dort vermisst zu werden?

Nein, dafür haben wir einen zu guten Kontakt. Ich nehme ja an fast allen Fraktionssitzungen teil. Ich habe nur einfach keinen Sitz im Rat mehr. Beides geht leider nicht. Ich musste einmal wegen der Verspätung eines Zuges mit dem Taxi von Celle nach Bienenbüttel fahren, um an einer Sitzung teilzunehmen. Das geht mal, aber mir wurde dabei schlaglichtartig klar: Es geht nicht zusammen.

Vermissen sie Bienenbüttel politisch?

Nein, ich bin eng eingebunden in die Politik vor Ort. Viel dramatischer war dagegen mein Abschied von der Schule. Ich war 18 Jahr Leiter meiner Schule, das war sehr lebendig und vielfältig. Neulich wurde ich gefragt, ob ich deshalb wehmütig bin. Und ja, das bin ich.

Ganz unter uns, ich erzähl es nicht weiter: Würden sie gern zurücktauschen?

Manchmal ja. Aber es wäre auch komisch, wenn das nicht so wäre, nachdem ich dort 18 gute Jahre hatte. Sehen Sie, ich habe gern Spaß – Lachen, Humor, Leben. Die Gelegenheiten dafür sind weniger geworden. Da fragt man sich auch: Na, war das so ein toller Tausch? Aber ich denke, dass es eine gute Arbeit ist, in der ich viel bewegen kann und will.

War ihnen der mögliche Wechsel vor einem Jahr so richtig bewusst?

Dass es sich so drastisch darstellen würde, hätte ich nicht gedacht. Ich musste innerhalb von 14 Tagen meine Zelte in der Schule abbrechen und meinen Nachfolger einarbeiten. Seit Februar war ich erst zweimal wieder da. Das war ein harter Schnitt.

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