Wehen in der Wildnis

Besonderer Moment: Dr. Irene Maison mit der gerade geborenen Irene-Sarah.

Bienenbüttel-Neu Steddorf. „Diese Natürlichkeit, diese Fröhlichkeit, diese Schicksalsergebenheit und Lebensbejahung, die Höflichkeit, diese ruhige Gelassenheit – ich bin tief beeindruckt von den Menschen, die ich knapp 10 000 Kilometer weg von zu Hause in Bienenbüttel auf den Philippinen kennen lernen und begleiten durfte“, fasst Dr. Irene Maison bedacht zusammen. Sieben Wochen lang war die Gynäkologin in einem einfachen Gebirgskrankenhaus dort auf einer Insel medizinisch aktiv.

Hinter der Gynäkologin, die bis 2008 in Bad Bevensen praktizierte und dann in den Ruhestand gegangen ist, liegen bewegte Zeiten. Auf Mindanao, der südlichsten Insel des Inselstaats der Philippinen vor der südostasiatischen Küste, zwischen Taiwan und Borneo im Pazifik, war sie weit weg von der Zivilisation in einem Gebirgskrankenhaus in der Geburtshilfe und Gynäkologie tätig. Ähnlich wie in der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, war Dr. Maison für „Ärzte für die Dritte Welt“ tätig. „Hier sind ausschließlich deutsche Ärzte aktiv, die Organisation hat nicht das finanzielle Polster und wir arbeiten umsonst“, erklärt sie.

Das Krankenhaus liegt, ans Gebirge geschmiegt, inmitten üppiger Landschaft.

Ihre Motivation so etwas zu machen? „Ach, ich wollte einfach etwas davon zurück geben, was ich Gutes erfahren habe … wir leben ja hier wie im Paradies“, bekennt sie. „Und noch Eines: ich hatte Sehnsucht und Verlangen danach, richtig wieder nur medizinisch zu arbeiten, und nicht von diesen ganzen bürokratischen Dingen und Formalitäten eingeschränkt zu werden.“ Zur Vorbereitung hospitierte sie vier Wochen lang in der Geburtshilfe des Städtischen Krankenhauses Lüneburg, um sich fit zu machen. Los ging es. „Ich kam in eine gebirgige Gegend, weitab vom Getümmel der Städte. Das Gebirgskrankenhaus ist 2005 mit hiesigen Mitteln aufgebaut worden. Es hat neben einer Tuberkulosestation eben auch diese Gynäkologische Station mit zwei deutschen Ärzten, einem Kinderarzt, einem einheimischen Arzt und Schwestern“, berichtet sie. Der Bereich des Krankenhauses ist umzäunt und wird von Soldaten an der Straßensperre bewacht, „denn der Respekt und die Angst vor muslimischen Terroristen ist groß“.

Die Patientinnen/Mütter kommen aus der Provinz, oft aus ganz entlegenen Orten. Sie gehören zu den Lumad, vornehmlich Ureinwohner, die nicht christianisiert oder islamisiert wurden und oft alte Tradition pflegen. Die 18 Lumad-Gruppierungen machen etwa 18 Prozent der philippinischen Bevölkerung aus und wichen in die Berg- und Waldregionen aus, ohne Widerstand gegen neue Systeme zu leisten.

Es waren allesamt natürliche Geburten, die Dr. Maison begleitete, Kaiserschnitte gab es nicht und wenn, war das schon vorher klar und die Mütter kamen ins Krankenhaus der Stadt.

Will etwas davon zurückgeben, was ihr Gutes widerfahren ist: Dr. Irene Maison arbeitete sieben Wochen lang in einem Gebirgskrankenhaus auf den Philippinen. Fotos: Privat

„Anfangs habe ich mich gewundert, dass es nur täglich ein bis zwei Geburten waren, aber als ich an dem einzig freien Wochenende mal auf Trampelpfaden in eines der Dörfer wanderte, wusste ich warum. Zwei Stunden und mehr hätten die Frauen zurück legen müssen, und das mit Wehen – nicht auszudenken!“ Die werdenden Mütter kamen mehr zum Check in der Schwangerschaft, um zu wissen, dass alles soweit okay ist und machten dann daheim eine Hausgeburt. „Bei den Geburten war wie selbstverständlich ein Familienmitglied dabei, meist der Ehemann. Die Verständigung verläuft über das philippinische Personal in Englisch. So etwas wie einen Wehenschreiber gibt es nicht, wohl aber ein Ultraschallgerät. Die Frauen wissen um den natürlichen Vorgang der Geburt, spüren, was da passiert. Nicht wie wir es wollen, sondern wie sie es wollen, gebären sie. Ansonsten hatte Dr. Maison einen strammen Tag, der morgens mit der Visite begann und dann mit der Sprechstunde, meist an die 40 Patientinnen pro Tag und zwischendurch Geburten. Für die Frauen ist der Arztbesuch und Krankhausaufenthalt umsonst. „Wir arbeiten auch viel in punkto Empfängnisverhütung, denn es stellt sich den Frauen schon die Fragen, ob sie die Erziehung so vieler Kinder schaffen, ob sie diese überhaupt ernähren können. Denn die Kindersterblichkeit durch Unterernährung und Infektionen ist groß.“ Aufgefallen sind Dr. Maison auch die schlechten Zähne, denn ein Zahnscreening wie hier in Deutschland gibt es nicht und die Karies blüht. „Oft haben die Menschen schon mit 20 ein Gebiss. Cola und Biskuits, sowieso vieles aus dem Amerikanischen, dem vermeintlichen ‘Way of Life’ wird favorisiert.“

Auf Komfort zu verzichten und Neues zu akzeptieren, darauf musste sich Dr. Maison mitten in der Wildnis einstellen. Das Internet klappt nicht. Nach wenigen Tagen die Begegnung mit einer Kobra, nachts lärmende riesige Kröten und das Insektengezirpe, „so dass ich die Fenster in meinem Zimmer im „Doctors house“ geschlossen halten musste“.

Auch das Essen war eher langweilig: Reis mit Fleisch und morgens Toastbrot. „Da hatte ich schon mal Sehnsucht nach Schwarzbrot und einem weich gekochtem Ei …“, fügt sie schmunzelnd hinzu und breitet viele Fotos vor sich aus und weiß zu jedem Bild etwas zu berichten. Vom Besuch beim Bürgermeister eines Dorfes, vom Baby Irene-Sarah, von den geduldigen, dankbaren Menschen…

Das Wort „wir“ taucht in den Berichten Dr. Maisons häufig auf und man spürt, dass sie ein Stückchen Identität dort gefunden hat, sich wohl gefühlt hat. „Please come back, Dr. Irene“ hieß es auf einem Plakat beim Abschied. Und wie sieht es aus damit? „Im September fahre ich wieder hin“, sagt Dr. Maison strahlend.

Von Ute Bautsch-Ludolfs

Kommentare