Fast sieben Monate nach EHEC: Die Besitzer des Bienenbütteler Biohofes kämpfen weiter ums Überleben

„50 Tote – und kein Ergebnis“

Bienenbüttel. Regenwolken hängen an diesem kalten Dezembertag über dem Gärtnerhof in Bienenbüttel. Im Sommer liefen hier die Spuren bei der Suche nach dem EHEC-Erreger zusammen.

Bockshornkleesamen aus Ägypten, der auf dem Gärtnerhof verarbeitet wurde, soll Auslöser für die Epidemie mit über 50 Toten gewesen sein – die Indizienkette war nach Behörden-Angaben lückenlos.

In der Küche von Uta Kaltenbach und Klaus Verbeck spendet ein mit Holz beheizter Herd wohlige Wärme. „Je dunkler der Himmel, umso heller leuchten die Sterne“, steht mit Kreide auf einer Tafel an der Wand. Trost können die beiden Geschäftsführer des streng vegan geführten Biohofes noch immer gebrauchen. „Das war natürlich eine Schocksituation – wenn einfach das Unvorstellbare passiert“, erinnert sich Klaus Verbeck. „Dass ausgerechnet wir das waren. Wir hatten unsere Sprossen analysieren lassen und die waren EHEC-frei. Wir selber haben sie ja auch gegessen.“

Seine Partnerin nickt: „Das kann doch gar nicht sein – gerade bei uns. Das war meine erste Reaktion“, sagt sie. EHEC-Bakterien leben eigentlich im Darm von Wiederkäuern, doch in Bienenbüttel wurde rein pflanzlich gedüngt – keine Gülle, kein Mist. „Das Unglaubliche war, dass wir keine Informationen hatten. Wir wussten nur: Wir sind der Betrieb, der im Verdacht steht – aber warum, das wussten wir nicht.“

Landesbehörden und Bundesbehörden kamen, Journalisten aus aller Welt belagerten tagelang den Gärtnerhof. „Wir waren eingesperrt, haben den Hof gar nicht mehr verlassen“, erinnert sich Verbeck. Hilflosigkeit, Erschöpfung, Verzweiflung – die beiden erlitten schließlich einen Nervenzusammenbruch. „Irgendwann war es einfach zuviel.“ Kunden und Nachbarn halfen den beiden. Auch der Anbauverband Naturland unterstützte sie, schickte einen Berater. „Hilfe kam auch von Wildfremden“, sagt Verbeck. „Wir bekamen hunderte Unterstützungs-Mails aus aller Welt.“

Sechs Wochen dauerte der Ausnahmezustand, dann konnten die beiden Mitte Juli wieder Gemüse auf dem Wochenmarkt in Lüneburg verkaufen. Doch mit dem Sprossenhandel, vor der Krise die wichtigste Einnahmequelle des Hofes, war es aus. Die wirtschaftlichen Folgen waren dramatisch.

Der Markt für Sprossen liegt noch immer am Boden. Von den einst 15 Mitarbeitern in Bienenbüttel sind nur eine Teilzeitkraft und eine Aushilfe übrig, der Rest musste gehen. „Heute liegen wir wieder bei zehn Prozent des Vorjahresumsatzes. Im Moment halten wir uns mit dem Verkauf von Maschinen über Wasser“, sagt Verbeck.

Auch die Direktvermarktung will er nun ausbauen. Die meisten Wochenmarktkunden in Lüneburg sind treugeblieben – und neue Kunden kamen dazu. „Es sind Leute gekommen, die gesagt haben: Wir kaufen jetzt bei Ihnen – wir finden das so ungerecht und wollen sie unterstützen“, berichtet Uta Kaltenbach. Für das Landwirtschaftsministerium in Hannover ist die Indizien-Kette zum Biohof absolut wasserdicht. „Es konnten Verbindungen zwischen dem Betrieb und allen wesentlichen Ausbruchsherden hergestellt werden“, sagt Minister Gert Lindemann. Eine Sprossenprobe in Nordrhein-Westfalen wurde positiv getestet, außerdem wurde der Keim bei einer Mitarbeiterin in Bienenbüttel nachgewiesen. Die Behörden haben aber kaum Zweifel, dass die Sprossensamen in ihrem Herkunftsland Ägypten verunreinigt wurden. Und das Landwirtschaftsministerium betont, dass die hygienischen Rahmenbedingungen in dem Betrieb nicht zu beanstanden gewesen seien. Ein persönliches Verschulden der Betreiber sei nicht erkennbar.

„Da sind so viele Fragen offen und jetzt bleibt es an uns hängen“, sagt Klaus Verbeck. 1000 Proben auf dem Hof blieben ohne EHEC-Nachweis, sogar die Gartenschläuche wurden untersucht. Verbeck ist immer noch ratlos: „50 Tote – und kein Ergebnis.“

Von Peer Körner

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