Der 32-jährige Jonathan Sachau packte jetzt auch in Bienenbüttel seine Farbdosen aus

Sprayer lässt Kästen in Bienenbüttel verschwinden

+
Jonathan Sachau hat den Lehrerberuf an den Nagel gehängt und verschönert Städte und Dörfer mit seiner Illusionskunst aus der Farbdose. Die Idee, hässliche Stromkästen vor Ziegelwänden zum Verschwinden zu bringen, hat der 32-Jährige in Lüneburg entwickelt. Jetzt war er auch in Bienenbüttel aktiv.

Bienenbüttel. Ockerbraun, Orangebraun, Cappucino, Schokolade, Kakao: Kaum ein Mensch ahnt, aus wie vielen Farbtönen ein gewöhnlicher Ziegelstein besteht.

Hier stand einmal ein grauer Stromkasten. Wer genau hinschaut, erkennt ihn zwischen Zaun und Laubgrün

Jonathan Sachau mischt all diese Farben nur zu einem Zweck: Um einen schnöden grauen Stromkasten vor Ziegelwänden zum Verschwinden zu bringen. Das Prinzip hat er in Lüneburg entwickelt – und jetzt auch an zwei Kästen in Bienenbüttel zur Geltung gebracht. Er fügt noch ein paar Schattenlinien und einen Hauch von Moosgrün hinzu, und fertig ist die Illusion. Sprayer sind in der Regel unerwünscht. Ihre Parolen und Zeichen, Tags genannt, verunzieren zum Ärger der Bürger Fassaden und Züge. Der 32-jährige Sachau dagegen wird für seine Arbeit bezahlt, und er ist mittlerweile so gut im Geschäft, dass er seinen Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat, um ganz für seine Farbdosen-Kunst zu leben. Statt Deutsch, Englisch und Kunst zu unterrichten, überzieht er triste Wände mit bunten Motiven. Gerade gestaltet er die Wände eines Studentenwohnheims in Hamburg-Wandsbek, insgesamt 200 Quadratmeter Fläche. Und bislang hat er seine Entscheidung nicht bereut: „Es fühlt sich nicht immer nach Arbeit an“, erzählt er der AZ.

Ein Schandfleck gleich neben einem Schaufenster in der Bienenbütteler Bahnhofstraße ist verschwunden.

In seinem Kastenwagen: eine Leiter, die Gasmaske gegen den giftigen Nebel aus Farbe und Lösungsmittel sowie 50 bis 100 Farbdosen für jede Nuance. „Eine Sprühdose ist ein Medium, das sehr grob arbeitet“, erklärt Sachau, Künstlername: Dosenfutter. „Man muss die Farben gegeneinandersetzen.“ In Lüneburg hat er 15 Stromkästen bemalt. Die Idee entwickelte sich vor dem neuen Museum. „Da stand der Stromkasten im Weg. Umwetzen kostet mehrere 10 000 Euro“, fasst Sachau seine Idee zusammen. Die hat es auch Bienenbüttels Bürgermeister Dr. Merlin Franke angetan. „Die vergleichsweise hässlichen Kästen werden weniger wahrgenommen und nicht mehr besprüht“, gibt er zu bedenken. „Eine Reinigung müsste so oder so erfolgen.“ Keine 400 Euro haben die beiden Kästen vor Geschäften in der Bahnhofstraße gekostet. Und sie könnten erst der Anfang gewesen sein. „Wir überlegen derzeit, ob wir noch mehr Kästen, Brückenpfeiler, Tunnel und so weiter ‘verschwinden’ lassen sollen“, schreibt er auf Facebook. Dafür hofft er auf eine Kostenbeteiligung der Bahn.

Sprayer Sachau hat dagegen nichts einzuwenden. Triste Flächen springen ihn als Malgrund förmlich an. Die Geschichte vom illegalen Sprayer, der irgendwann Anerkennung findet und auch offiziell sprayen darf, trifft auf Sachau nicht zu, auch wenn er gerne Hiphop-Musik hört. Durch ein Schulprojekt fand er Geschmack an den Bildern aus der Dose. Zwei Jahre später, mit 15 erhielt er den Auftrag, das Sportvereinsheim zu verschönern.

Heute wird der 32-Jährige häufig aufgefordert, illegale Graffiti zu übermalen. Die Bilder bekannter Größen der Szene verschont er jedoch. „Ich kann verstehen, dass sich die Leute über Graffiti ärgern“, meint Sachau. „Aber ist eine graue Autobahnbrücke schöner als Kunst?“

Von Gerhard Sternitzke

Kommentare