Verweis auf Gutachten / Staatsanwaltschaft verzichtete auf Durchsuchungen

Fall Biggi Reichert: Scientology widerspricht

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Die Scientologin Walburga „Biggi“ Reichert, die sich vor ihrem Freitod in Bienenbüttel aufhielt, hatte Brandwunden (s. kleines Foto). Noch immer umstritten ist, ob die Wunden von einer Hauterkrankung herrühren oder durch eine Elektroschockbehandlung entstanden sind. Fotos: privat

Bienenbüttel. Das kann Scientology nicht stehen lassen. Wenige Tage nach dem Bericht über den mysteriösen Tod des Scientology-Mitglieds Walburga „Biggi“ Reichert, die ihre letzten Tage auf einem Ponyhof in Bienenbüttel verbrachte, reagiert die umstrittene Religionsgemeinschaft mit einer sechsseitigen Stellungnahme.

Der Name des früheren hochrangigen Mitglieds – Biggi Reichert arbeitete in der Öffentlichkeitsarbeit in der Zentrale Hamburg – wird darin nicht einmal genannt. Tenor: Der Freitod in einer Hamburger Tiefgarage vor zehn Jahren habe ausschließlich private Ursachen, unter anderem eine Ehekrise, wie die Abschiedsbriefe belegten. Und die 28 Brandwunden auf dem Kopf der Toten seien natürlichen Ursprungs. Der renommierte Berliner Autor und Regisseur Markus Thöß hatte in der AZ berichtet, dass die 40-jährige Tierärztin unter dem Druck einer mehrfachen Arbeitsbelastung und ruinierter Finanzen kurz vor ihrem Tod Hilfe in der Scientology-Zentrale in Clearwater in den USA suchte. Die Brandspuren am Kopf könnten auf die unsachgemäße Anwendung einer Elektrotherapie zurückgehen.

Laut Scientology-Sprecher Frank Busch handelt es sich dagegen um eine Hautkrankheit. Die Narben seien durch Kratzen entstanden. Als Beleg zitiert er die Staatsanwaltschaft Hamburg, dass „es sich bei den 28 Hautverletzungen auf dem Kopf der Verstorbenen auch um eine Hauterkrankung handeln kann. Der Verdacht auf eine Körperverletzung durch unbekannte Mitglieder der Scientology könne derzeit nicht aufrecht erhalten werden“. „Verursachung durch Stromeinwirkung... sehr unwahrscheinlich“, so der Gutachter vom Universitäts-Klinikum Eppendorf.

Hat sich Thöß verrannt, wie Busch meint? Der Sprecher erklärt selbst das „E-Meter“, eine Art Lügendetektor, der Bestandteil des Auditings, einer Art Beichte ist. Dabei sollen belastende Erlebnisse, Engramme genannt, aufgespürt und gelöscht werden. „Die Elektroden hält man in der Hand und nicht an den Kopf. Die Spannung beträgt ungefähr 1,5 Volt – weniger als bei einer Taschenlampenbatterie.“ Nicht einmal ein Kribbeln sei zu spüren.

Nach den Informationen von Thöß verweist Scientology in den USA aus Misstrauen gegen die Schulmedizin seine Mitglieder an Heilpraktiker, die eine umstrittene Methode anwenden. Die Geräte werden mit einer deutlich höheren Spannung an den Kopf angesetzt. Bei unsachgemäßem Gebrauch sind schwere Verbrennungen möglich.

Welche Technik bei Biggi Reicherts Aufenthalt in Clearwater angewandt wurde, ist nicht im Detail bekannt. Das von Busch auszugsweise zitierte Gutachten kommt jedenfalls abschließend zu dem Ergebnis, es gebe keine Anhaltspunkte für eine klassische Hautkrankheit. „Der histologische Befund (der Gewebeuntersuchung, die Red.) lässt sich gut mit einer exogenen physikalischen Einwirkung – am ehesten: thermische Schädigung – vereinbaren. Eine physikalische Einwirkung ist jedoch nicht beweisbar.“

Dr. Carsten Hädrich, Oberarzt der Gerichtsmedizin der Universität Leipzig wird konkreter: „Nach meiner Erfahrung handelt es sich am ehesten um thermische Einwirkungen, also Hitzeeinwirkungen, wie sie auch bei der Einwirkung von elektrischem Strom auftreten.“

Gegen den Eindruck, die 40-Jährige sei kurz vor ihrem Tod in der Zentrale unter Druck gesetzt worden, wehrt sich Scientology. In seelsorgerlichen Gesprächen sei es um die Lösung der persönlichen Probleme mit ihrem Ehemann gegangen. „Man gab ihr... ein simples Programm, ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen“, behauptet Busch. „1. Arrangiere deinen täglichen Stundenplan so, dass du genügend Schlaf bekommst, dich gesund ernährst und täglich Spaziergänge machst. 2. Suche einen Arzt auf und lass dich medizinisch untersuchen und behandeln. 3. Erledige alle privaten unerledigten und liegen gebliebenen Sachen. 4. Sortiere die Situation mit deinem Ehemann aus.“

Geholfen haben die Ratschläge der verzweifelten Frau nicht, falls sie wirklich erteilt wurden. Tatsache ist, dass Biggi Reichert sich in den letzten Tagen vor ihrem Freitod auf dem Ponyhof in Bienenbüttel aufhielt. Wichtige persönliche Unterlagen verschwanden jedoch – ein schwarzes Tagebuch war unauffindbar, die Festplatte ihres Laptops gelöscht.

Biggi Reichert hatte ihre Vorgesetzten in der Scientology-Hierarchie nachweislich um Entlastung gebeten – vergeblich. Zudem war sie hoch verschuldet, obwohl ihr Mann, ebenfalls Scientologe, gut verdiente. Der Grund waren nicht zuletzt teure Scientology-Kurse und die Reisen in die Zentrale in Florida. „Ich verkaufte meine Eigentumswohnung und gab alles für die Brücke aus“, schrieb sie. So nennen die Scientologen den Weg zur Erleuchtung. Reichert starb am 6. März 2006 an einer Kohlenmonoxidvergiftung in Verbindung mit Schlafmitteln.

Am Tatort, in ihrem Auto, wurden blutige Papiertücher, Spritzen und Rezepte für starke Narkotika gefunden. „Aber weder in den Ermittlungsakten der Hamburger Staatsanwaltschaft noch im rechtsmedizinischen Gutachten steht etwas dazu“, kritisiert Thöß. Eine Durchsuchung des Ponyhofs in Bienenbüttel wurde abgelehnt. Der Hamburger Staatsanwalt Wilhelm-Antonius Möller erklärte auf Nachfrage von Thöß, „dass Suizid per se, aber auch die Anstiftung und die Beihilfe zum Selbstmord nach deutschem Recht straflos sind. Ist dies der Fall, kann man mit strafprozessualen Mitteln zum Beispiel auch keine Durchsuchungsbeschlüsse beantragen, weil es an einem Anfangsverdacht fehlt.“

Scientology-Sprecher Frank Busch sieht keine Versäumnisse der Staatsanwaltschaft. Gegenüber der AZ erklärt er: „Wir vertrauen unseren Ermittlungsbehörden, dass sie ihr Handwerk verstehen.“

Von Gerhard Sternitzke

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