Bienenbütteler Gasthaus Moritz schließt nach 111 Jahren / Monika Behrens tritt kürzer

Schauplatz rauschender Feste

+
Mit einem frisch Gezapften auf dem Tisch: Albert Moritz, Bauer und Wirt, 1912 im Schankraum des Bienenbütteler Traditionsgasthauses. Er begründete 1903 eine 111-jährige Familientradition.

Bienenbüttel. Nach 111 Jahren ist Schluss: Zum Monatsende schließt das traditionsreiche Bienenbütteler Gasthaus Moritz.

Am Sonntag war einer der zehn Kegelvereine zum letzten Mal auf der Bahn, am Sonnabend sieht der Saal im Obergeschoss der historischen Vogtei von 1659 die letzte Silberhochzeit. 24 Jahre hat Monika Behrens die Gaststätte vis-à-vis der Bienenbütteler Kirche geführt, jetzt hört sie aus gesundheitlichen Gründen auf. „20 Stunden bei Hochzeiten, diese langen Arbeitszeiten schaffe ich nicht mehr“, erklärt die 49-Jährige.

Mit der Wirtin, die im elterlichen Betrieb in Eyendorf das Handwerk gelernt hat, endet eine Bienenbütteler Familientradition. Eine Aufnahme im Schankzimmer zeigt den Gründer Albert Moritz (1879 bis 1952) im Jahr 1912 mit Schnauzer und Stiefeln. Damals gehörte zu einem Landgasthaus auch eine Landwirtschaft.

Hinter dem großen Stalltor der Vogtei, von der aus bis 1794 43 Ortschaften mit 170 Höfen verwaltet wurden, befand sich die Wohnung der Familie Behrens. Seit 1682 befand sich in dem ältesten Gebäude Bienenbüttels eine Poststation mit Pferdeumspann. Spätestens seitdem wird es hier einen Gaststättenbetrieb gegeben haben. „Das Haus hat so seine Geräusche“, sagt Monika Behrens.

Die Wohnung hat die dreiköpfige Familie schon fast leer geräumt. Sie zieht in einen Bungalow nebenan. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Monika Behrens. „Ich hab’ das gern gemacht. Es wird mir fehlen, nicht mehr unter Leuten zu sein.“

Zuletzt hat sie den Betrieb mit zwei Mitarbeitern und Ehemann Jürgen geführt. Monika Behrens stand selbst am Herd, ihre Hochzeitssuppe mit den selbst gedrehten Klößen war weit gerühmt. Die Gaststätte konnte mit dem größten Saal am Ort punkten. Den normalen Restaurantbetrieb und die Zimmervermietung hat die Wirtin dagegen schnell eingestellt. Es lohnte nicht.

Was bleibt, sind die Erinnerungen der Bienenbütteler an rauschende Feste im großen Saal mit der Jahreszahl 1924 im Obergeschoss. Unter den immer noch blitzblanken Kronleuchtern bahnte sich wohl manches spätere Eheglück an. Zum letzten Mal drehten sich die Paare beim Feuerwehrball im Februar auf dem Parkett. Dort hängt noch die Aufnahme, die Monika Behrens’ Großvater Albert Sander und Albert Moritz beim Kassensturz im Saal zeigt.

1952 war das. Damals spielte sich das gesellschaftliche Leben im Dorf ab. Dorfgemeinschaftshäuser als Konkurrenz der Gastronomen gab es nicht. Ein Nachfolger für die 1000 Quadratmeter große Gastro-Immobilie ist schwer zu finden. Die große Zeit der Kegelbahnen ist vorbei, auch sonst müsste investiert werden. In einen Fahrstuhl etwa oder ein Schwimmbad etwa.

Für die Vereine ist die Schließung des Traditionsgasthauses ein Verlust. Die Schützen hatten ihren Zapfenstreich auf der Wiese hinter dem Gasthaus. Auch Monika Behrens muss sich umstellen: „Das wird ein anderes Leben für mich.“

Von Gerhard Sternitzke

Mehr zum Thema

Kommentare