Bei Pflasterarbeiten findet Ingo Lewin den Schutt der Äbte von St. Michaelis

Puzzlesteinchen eines Schlosses in Grünhagen

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Der Grünhagener Ingo Lewin mit Schutt von Backsteinen im Klosterformat, die er beim Pflastern eines Weges am alten Forsthaus entdeckte. Sie stammen möglicherweise vom früheren Schloss der Lüneburger Äbte vom Kloster St. Michaelis.

Grünhagen. Es ist nur ein Haufen Schutt, aber der hat es in sich. Beim Pflastern eines Wegs zu seiner Terrasse ist der Grünhagener Ingo Lewin auf dicke Backsteine im Klosterformat, Bruchstücke altertümlicher Dachziegel und glasierte Platten gestoßen.

Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler und Sondengänger René Ehrhardt suchen in der Erde nach Metallstücken.

Die elektrisieren nicht nur seine Vermieterin Wilma Laudan, die sich für jedes Stück Geschichte in ihrer Wahlheimat Grünhagen interessiert, sondern auch den Uelzener Kreisarchäologen Dr. Fred Mahler.

„Das Material ist mittelalterlich“, bestätigt der Fachmann nach einem prüfenden Blick auf den Haufen am alten Forsthaus von 1746. Er dreht das Bruchstück eines Dachziegels in der Hand. Er passt zur mittelalterlichen Deckung mit „Mönch und Nonne.“ „Für uns ist das ganze Areal interessant, weil hier im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine große Schlossanlage stand“, erklärt Mahler. „Alles, was bei Frau Laudan auftaucht, sind kleine Puzzlesteinchen.“

Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler und Sondengänger René Ehrhardt suchen in der Erde nach Metallstücken.

Die Fundamente von Schloss Grünhagen vermutet er in den Wiesen, einen Steinwurf entfernt an der Ilmenau. Dort wurden, berichtet er, bei Drainagearbeiten Keramikscherben und ein mehrere Jahrhunderte alter Holzbalken gefunden, vielleicht Teil des Wasserschlosses, das sich die Äbte des Lüneburger Klosters St. Michaelis vor den Toren der Stadt gebaut hatten. Die Ziegel sollen in Lüneburg gebrannt und über die Ilme-nau nach Grünhagen verschifft worden sein. Das Schloss entwickelte sich aus einem Sommerhaus des Klosters. „Wenn es in Lüneburg stank und pestete, zog man raus“, erklärt Mahler.

Doch wie kamen Reste der Mauern und Dächer des Grünhagener Schlosses auf den Hof von Wilma Laudan? „Wenn das Schloss noch lange gestanden hat, ist es wahrscheinlich, dass es als Steinbruch genutzt wurde“, weiß Mahler. Außerdem könnte das Gelände der alten Försterei selbst, etwa als Wirtschaftshof des Schlosses, eine Rolle gespielt haben. So fand Lewin in 40 Zentimetern Tiefe ein durchgehendes Kopfsteinpflaster. Und im Schuppen ist ein alter, zugeschütteter Brunnen zu sehen. Vielleicht werden die Archäologen ihn ausgraben. „Brunnen haben die Eigenheit, dass die Leute was hineinfallen lassen“, erklärt Mahler, der auf spannende Funde hofft.

Alte Dachziegel sowie der Fuß eines Grapens, eines historischen Kochgeräts. Oben: Der Ring eines zugeschütteten Brunnens.

Hinter dem Schuppen liegt der Bodenaushub. „Wir haben jeden Krümel Erde durchgesiebt“, berichtet Wilma Laudan, die 2014 nach zehnjähriger Vorarbeit ein 250 Seiten dickes Buch über die Geschichte Grünhagens veröffentlicht hat. Seitdem registriert sie jede Spur der Geschichte um ihren Wohnsitz herum.

Für Archäologe Mahler hat sie noch nicht genug gesiebt. Er hat den ehrenamtlichen Sondengänger René Ehrhardt mitgebracht. Der sucht den Berg Erde systematisch mit der Sonde ab. Es piept und quiekt. Mit einem Schaber, der eher wie ein Fantasie-Dolch aussieht, schürft er etwas Sand beiseite, und ein Stück rostiges Metall kommt zum Vorschein. „Ein Industrienagel“, stellt Mahler fest, und das falsche Fundstück fliegt im hohen Bogen ins Gebüsch.

Heute geht der Kreisarchäologe leer aus. Aber im Herbst hofft er auf Verstärkung. Studenten der Universität Hamburg sollen die Ilmenauwiesen mit dem Magnetometer untersuchen. „Damit kann man, ohne dass man den Spaten anfasst, Strukturen in der Erde erkennen“, erklärt er die Funktionsweise. Mit etwas Glück stoßen sie auf die verborgenen Fundamente von Schloss Grünhagen.

Von Gerhard Sternitzke

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