Die iranische-israelische Band Sistanagila im Bienenbütteler Michaelis-Gemeindehaus

Musik zwischen den Welten

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Iranische und israelische Musiker treten gemeinsam in Bienenbüttel auf – die Band Sistanagila (von links): Klavier: Ido Spak, Trommel: Jawad Salkhordeh, Gitarre: Hemad Darabi, Gesang: Yuval Halpern, Saxophon: Itzhak Weissmehl.

Bienenbüttel. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Musik alle Grenzen überwinden kann, dann lieferte ihn die Berliner Band Sistanagila am Sonntagabend im gut besuchten Bienenbütteler Gemeindehaus.

Eine „iranisch-israelische Musikaffäre“ nennen drei Israelis und zwei Iraner ihre Formation, deren Geschichte vor rund vier Jahren im Internet begann.

Der iranische Informatiker Babak Shafian traf auf den israelischen Komponisten und Sänger Yuval Halpern und erzählte ihm von seiner Idee, nach dem Vorbild von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, in dem Israelis und Palästinenser zusammen spielen, eine Band zu gründen. Mit Sistanagila, das sich aus dem hebräischen Volkslied „Hava Nagila“ und der südiranischen Provinz „Sistan“ zusammensetzt, kreierten sie einen Namen, der beide Welten verbindet.

„Untereinander unterhalten wir uns ausschließlich auf Deutsch“, sagt der 34-jährige Halpern, der nach seinem Kompositionsstudium in Den Haag die Berliner Hanns-Eisler-Hochschule für Musik besuchte. „Wir würden uns sonst nicht verstehen.“ Und obwohl die Texte der Songs keinerlei politische Themen haben, sondern beispielsweise die Stimmungen der vier Jahreszeiten beschreiben, sei die Band absolut politisch motiviert: „Das gemeinsame Musizieren und Auftreten reicht als Statement.“

Auch für seine Kompositionen, die immer wieder reichlich Platz für ausgiebige Improvisationen seiner Musikerkollegen an Flügel, Gitarre, Trommel und Saxophon bieten, bedient sich Halpern in allen Kulturen: Er erforscht folkloristisch-religiöse Melodien, jüdische Klezmersongs und sefardische Volkslieder, nimmt Tonleitern auseinander, arrangiert mehrstimmige Gesänge und führt unterschiedliche Rhythmen zu ganz neuen Klangbildern, wie etwa einem persischen Flamenco, zusammen.

Sistanagila – so wie die Band heißt auch eine Komposition, die von der klassischen Frage-Antwort-Struktur der Rabbiner inspiriert ist und den musikalischen Dialog besonders deutlich macht: Die Tombak, die persische Bechertrommel, stellt eine Frage in den Raum, auf die die anderen Instrumente mit einer Variante des Themas reagieren.

Als schließlich der iranische Gitarrist und ehemalige „Progressive-Metaller“ Hemad Darabi an diesem Abend auch noch den bis dahin ruhenden Verstärker unter Strom setzt und zu seiner zackigen E-Gitarre greift, ist der Bann in Bienenbüttel endgültig gebrochen.

Von Marcus Kieppe

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