Ein Jahr nach dem Lüneburger Prozess gegen Oskar Gröning: Urteil immer noch nicht rechtskräftig

Mitschuldig am Mord von Auschwitz

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Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning wurde nach einem aufsehenerregenden Prozess vor dem Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist immer noch nicht rechtskräftig.

Lüneburg. In einem der letzten großen Auschwitz-Prozesse verkündet der Vorsitzende Richter am 15. Juli 2015 in Lüneburg das Urteil. Es geht um Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen, Oskar Gröning wird zu vier Jahren Haft verurteilt.

Journalisten haben ihn „Buchhalter von Auschwitz“ genannt. Der 94-Jährige ist stark geschwächt, bei der Urteilsverkündung darf er sitzen bleiben.

„Dieses Urteil hat Rechtsgeschichte geschrieben“, sagt Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther, der in Uelzen aufwuchs, ein Jahr danach. Mit einem Kollegen hat er mehr als 50 Nebenkläger vertreten, zumeist Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Seit Mitte der sechziger Jahre habe es kein Verfahren gegen einen SS-Angehörigen in Auschwitz wegen Beihilfe zum Mord gegeben, hat der Jurist kritisiert.

Gröning hat eingeräumt, Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und weitergeleitet zu haben. Der frühere Freiwillige der Waffen-SS hat die Berichte der Überlebenden bestätigt: „Nein, nicht übertrieben“, hat er gesagt. Ganz klar ist seine Stimme, er beugt sich schnell nach vorn zum Mikrofon, ein eindrucksvoller Moment.

Zaun, Tor und Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz im heutigen Polen.

„In Auschwitz durfte man nicht mitmachen“, sagt Richter Franz Kompisch in seiner Urteilsbegründung. Jahrzehntelang haben die Gerichte anders entschieden, haben auf den Nachweis bestimmter Einzeltaten bestanden. Auch das Verwalten der Gelder sei Beihilfe, sagt Kompisch. „Auschwitz war eine auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie“, fasst er zusammen. Und Gröning sei ein Teil des großen Verbrechens Auschwitz gewesen.

Nebenklägerin Judith Kalman nennt Prozess und Urteil rückblickend „eines der bedeutendsten Ereignisse in meinem Leben“. Die nach dem Krieg geborene Autorin lebt in Kanada. Ihre Eltern waren Auschwitz-Überlebende, der Vater verlor im Holocaust 84 Verwandte. Darunter auch Kalmans Halbschwester Eva.

Ihre Eltern hätten nach dem Trauma Angst vor jeder Art von öffentlicher Aufmerksamkeit gehabt und „unter dem Radar“ gelebt, sagt Kalman. „Für mich war es eine Art von Befreiung, dass ich für sie und für alle ihre toten Familienmitglieder aussagen konnte, besonders für das Kind, das meine Halbschwester war.“

Ob überhaupt ein Verurteilter von mehr als 90 Jahren seine Haftstrafe verbüßen muss, entscheiden am Ende die Ärzte.

Zwar sei die Strafe eher symbolisch, doch habe das Urteil mehr als nur symbolische Bedeutung: „Denn es hat klar gemacht, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war und jeder, der dort gearbeitet hat, mitschuldig war am Mord.“ Befehle erfüllt zu haben sei keine Entschuldigung.

„Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft“, hat die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi erklärt. Von einer fast heilenden Wirkung des Prozesses für die Zeugen spricht Anwalt Walther auch mit einem Jahr Abstand.

Der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning.

Im Juni 2016 folgt der nächste juristische Meilenstein: In Detmold wird der 94-jährige Reinhold Hanning verurteilt. Der frühere Wachmann in Auschwitz soll wegen Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen für fünf Jahre ins Gefängnis. Als SS-Unterscharführer habe er zum Funktionieren der Mordmaschinerie beigetragen, begründet das Landgericht.

„Das Urteil von Detmold geht noch weit über das von Lüneburg hinaus“, sagt Walther. „Damit wird jede Tötung in Auschwitz auch durch die unmenschlichen Lebensumstände als Beihilfe zum Mord an hunderttausenden von Menschen erkannt.“ Die Entscheidung von Lüneburg sei in Detmold stets als geistiger Hintergrund präsent gewesen.

Das Urteil gegen Gröning ist auch nach einem Jahr nicht rechtskräftig, der Bundesgerichtshof muss über eine Revision entscheiden. „Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, ist derzeit nicht absehbar“, heißt es dazu in Karlsruhe. Auch im Fall Hanning haben die Verteidiger und mehrere Nebenkläger-Anwälte Revision eingelegt. Und ob überhaupt ein Verurteilter von mehr als 90 Jahren seine Haftstrafe verbüßen muss, entscheiden am Ende die Ärzte. Gröning ist 95 Jahre alt, sein Verteidiger will zu seinem Gesundheitszustand keine Angaben machen.

Das Verdikt von Lüneburg war die erste Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in einem Lager seit dem Verfahren gegen den früheren Sobibor-Aufseher John Demjanjuk 2011. Doch Demjanjuk starb, bevor das Urteil rechtskräftig wurde. „Ich hoffe, dass der Bundesgerichtshof am Fall Gröning klarstellt, wie die Beihilfe zu NS-Verbrechen genau auszulegen ist“, sagt Jens Rommel, als Leiter der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg bundesweit Chefaufklärer für NS-Verbrechen.

„Es geht darum, die Verantwortung des Einzelnen für das gesamte Vernichtungsprogramm in einem Lager zu bestimmen“, betont Rommel. „Da ist der Fall Gröning ein ganz wichtiger Fall, weil der Bundesgerichtshof zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Gelegenheit hat, sich mit Auschwitz zu beschäftigen.“ Eine Verurteilung würde für Rechtssicherheit sorgen.

Etliche Akten müssten womöglich mit anderen Augen gelesen werden, sollte das Urteil bestätigt werden: „Wir versuchen juristisch zu bewerten, was wir historisch wissen – dass die Verbrechen des Dritten Reiches in diesem Ausmaß ohne die vielen Mitwirkenden nicht möglich gewesen wären.“

Von Peer Körner, dpa

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