Bienenbütteler gibt seinen Passat zurück: Rechtsanwalt Dr. Ralf Stoll vertritt 8000 Kläger gegen VW

VW-Kunden fühlen sich belogen: Bekommen sie ihr Geld zurück?

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VW Passat bei der Abgasmessung in der Werkstatt. Wie jetzt ein Bienenbütteler fühlen sich viele Kläger von VW belogen und betrogen. Die Gerichte urteilen unterschiedlich.

Bienenbüttel/Lüneburg. Dieses Urteil könnte Schule machen: Das Landgericht Lüneburg hat einem Bienenbütteler Autofahrer recht gegeben. Er durfte seinen Passat wegen der Abgasmanipulation an einen Lüneburger Händler zurückgeben (AZ berichtete).

Es dürfte nicht das letzte Verfahren sein. Der Rechtsanwalt Dr. Ralf Stoll aus Lahr im Schwarzwald vertritt 8000 Kläger gegen VW und seine Händler. Mit ihm sprach AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke über die Motive der Kläger und ihre Erfolgsaussichten.

Herr Stoll, ein Bienenbütteler darf seinen VW Passat zurückgeben. Was hat er davon? 

Viele meiner Mandanten sind darüber besorgt, was mit ihren Fahrzeugen passiert: Mehrverbrauch, Minderleistung, Wertminderung und die Dauerhaltbarkeit der Fahrzeuge könnte gefährdet sein, obwohl VW dies abstreitet.

Solange der Besitzer eines VW mit Schummelsoftware keine höhere Kfz-Steuer zahlt, hat er keinen konkreten Nachteil.

Das stimmt so nicht. Unsere Mandanten berichten, dass sie, wenn sie ihr Fahrzeug verkaufen, zehn, 20, 30 Prozent weniger bekommen als vor dem Skandal.

Entscheiden sich die Käufer nicht doch für die Marke, der sie hinsichtlich Sparsamkeit und Haltbarkeit am meisten zutrauen?

Ich kann nur von unseren Mandanten berichten. Die sagen: Ich vertraue diesem Konzern nicht mehr. Die haben mich belogen, betrogen. Ich denke aber, die große Masse lässt dieses Update durchführen, und dann ist es für sie erledigt. Das Problem kommt dann eventuell erst später.

Welches Problem?

VW macht keine Aussage zur Langlebigkeit der Fahrzeuge beziehungsweise teilt mit, dass diese nicht gefährdet sei. Wenn das Fahrzeug einen halber Liter mehr verbraucht, dann können die Leute damit leben, aber die Software wird verändert. Deshalb muss man befürchten, dass man den Rußpartikelfilter früher wechseln muss als vorgesehen, und der kostet einige tausend Euro.

Das ist aber spekulativ.

Überhaupt keine Frage. Da laufen Gerichtsverfahren, da werden Gutachten eingeholt.

Die Gerichte urteilen widersprüchlich. Wie ist die Tendenz? 

Dr. Ralf Stoll

Momentan drei Viertel zu ein Viertel zugunsten der VW-Händler. Ich habe den Eindruck, die Gerichte wollen die Verfahren schnell loswerden. Häufig heißt es, dass der Käufer nachbessern lassen muss. Der Schaden könne ja mit 100 Euro behoben werden. Dies ist aus meiner Sicht falsch, da die Entwicklungskosten der Software nicht berücksichtigt sind. Das Landgericht Lüneburg berücksichtigt diese richtigerweise. Die Rechtsprechung geht dahin: Ab fünf Prozent des Kaufpreises kann man das Fahrzeug zurückgeben. Diese Schwelle dürfte erreicht sein.

Wann verjähren die Ansprüche? 

Sie verjähren nach zwei Jahren ab Lieferung. VW hat angekündigt, auf die Verjährung zu verzichten, auch viele Händler, aber nicht alle. Die meisten Käufer können daher auch heute noch Ansprüche nach Ablauf der zwei Jahre geltend machen.

Wie hoch ist das Kostenrisiko für die Kläger?

Bei einem Kaufpreis von 20 000 Euro in der ersten Instanz 5500 Euro ohne Sachverständigenkosten. Die meisten Geschädigten sind aber rechtsschutzversichert.

Muss man Volkswagen nicht die Chance geben, eine Lösung zu erarbeiten?

Warum? Wir hatten von VW eine Garantie gefordert, dass an den Fahrzeugen durch die Nachrüstung keinerlei Nachteile entstehen. Diese Garantie wollte VW nicht abgeben.

Die Klagen richten sich gegen die Händler, die von der Schummelsoftware nichts wussten. Müsste nicht der VW-Konzern vor Gericht?

Wir klagen auch gegen VW. Die Kläger haben mit dem Händler ein Vertragsverhältnis. Auf dieser Basis müssen sie ihre Rechte geltend machen. Daneben bestehen aus unserer Sicht auch sogenannte deliktische Ansprüche gegen VW. Die sind aber schwerer nachzuweisen.

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