Extremismusexperte Andreas Speit liest in Bienenbüttel aus seinen Büchern

Die Invasion der rechten Siedler

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Rechtsextreme Siedler – wie hier im Wendland– bleiben auch, wenn die NPD verboten würde, sagt TAZ-Autor Andreas Speit. Die Familien planten etwa in Mecklenburg-Vorpommern eine Art „rechtsextremes Wendland“.

Bienenbüttel. Wer rechtsextremen Strukturen auf der Spur ist, macht sich nicht beliebt. Diese Erfahrung hat auch der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit gemacht.

Andreas Speit

„Wir werden bei unserer Recherche bedroht und angegriffen und mussten auch mal mit quietschenden Reifen abfahren“, berichtet der 49-jährige Journalist (TAZ) am Donnerstagabend im Bienenbütteler Gemeindehaus. Um gleich hinzuzufügen: „Andere Menschen sind dieser Gewalt ganz alltäglich ausgesetzt. “ Um rechtsextreme Gewalt und die Entwicklung rechtsextremer Strukturen geht es in den Büchern „Mädelsache“ sowie „Blut und Ehre“, aus denen der Autor auf Einladung der Willkommensinitiative, des Kulturvereins und anderer im Gemeindehaus liest.

„Rechtsextreme Gewalt ist in Deutschland alltäglich – so alltäglich, dass es gar nicht mehr auffällt“, sagt der studierte Soziologe. Sein Vorwurf: Immer noch sei der Staat auf dem rechten Auge blind, versäume es, bei Verbrechen in die entsprechende Richtung zu ermitteln, kritisiert Speit, der den Prozess um den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) verfolgt hat. Viel zu spät seien die Ermittler dem Trio auf die Spur gekommen. Und noch vor Gericht werde die Rolle eines Netzwerks von Unterstützern auf dem rechtsextremen Milieu unterschätzt, das Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit Papieren und Waffen versorgte.

Der Prozess gegen die überlebende Beate Zschäpe zeige auch, dass die Rolle der Frauen im rechtsextremen Milieu unterschätzt werde. Zschäpe habe den beiden Tätern den Rücken freigehalten, habe sie versorgt und den Nachbarn das Bild höflicher junger Leute vermittelt.

Frauen spielen auch eine große Rolle bei einem unheimlichen Phänomen, auf das Speit nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern stieß: rechte Siedler, die sich in Gegenden mit günstigen Immobilienpreisen ansiedeln, als Selbstversorger, Biobauern und Handwerker eher unauffällig leben und ihre Kinder im rechtsextremen, zum Teil völkischen Weltbild aufziehen. Viele der Siedler stammen bereits selbst aus rechtsextremen Familien, wurden in zum Teil inzwischen verbotenen Jugendorganisationen wie der Wikingjugend und dem Sturmvogel sozialisiert. „Sie verschwinden vielleicht aus dem Polizeiradar, aber sie ändern nicht ihre Gesinnung“, betont Speit. „Selbst bei einem NPD-Verbot bleiben diese Strukturen bestehen.“

Rechtsextreme Familien haben zudem auch in der Gemeinde Bienenbüttel Tradition, wo sie dieses Jahr in Edendorf durch einen völkischen Maitanz auffielen.

Von Gerhard Sternitzke

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