Gersteernte auf dem Hof Müller hat begonnen / Jetzt ist jeder Regenschauer zuviel

Getreideernte in Niendorf: Weltmarkt bestimmt die Preise

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Vom klimatisierten Cockpit des Mähdreschers alles im Griff: Landwirtschaftlicher Mitarbeiter Christian Kohrs arbeitet während der Getreideernte bis zehn Uhr abends.

Bienenbüttel-Niendorf. Auf diesen Moment hat Cord-Wilhelm Müller fast ein Jahr hingearbeitet. Im September vorigen Jahres hat er unweit von seinem Bauernhof in Niendorf Wintergerste ausgesät.

Cord-Wilhelm Müller

Er hat die Saat auf der Heidkoppel gedüngt, Pflanzenschutzmittel ausgebracht und unzählige Male die Beregnungskanonen umgestellt – und jetzt rauschen goldgelbe Körner aus dem Rohr des Mähdreschers auf die großen landwirtschaftlichen Anhänger. Gestern um 11. 30 Uhr hat er mit der Getreideernte begonnen.

In der Kabine des Mähdreschers, den landwirtschaftlicher Mitarbeiter Christian Kohrs steuert, ist es angenehm kühl. Keine Spur von Lärm und Staub, der die Maschine wie eine Wolke einhüllt. Klimaanlage und Filter halten sie draußen, damit der Fahrer den langen Arbeitstag übersteht. Mit 360 PS und einem sieben Meter breiten Mähwerk schafft Kohrs zwei Hektar pro Stunde. Schnitthöhe sowie Umdrehungszahl der Trommel und des Gebläses hat der Fahrer in den Bordcomputer eingegeben.

Brütende Hitze und jede Menge Staub: Auch auf der Heidkoppel bei Niendorf hat gestern die Getreideernte begonnen. Zwei Hektar pro Stunde schafft der moderne Mähdrescher. Dabei gehen nur ein bis anderthalb Prozent der Körner verloren.

Da bauscht sich das Getreide im Schneidwerk auf. Kohrs bremst ab, der Stau löst sich auf, und es geht weiter. Im Fenster hinter ihm steigen die Körner im Tank. „Wenn da weiße Stücke sind, ist das Getreide beschädigt, das gibt Abzüge beim Preis“, erklärt Kohrs. Dann muss ich die Trommel runterregeln. Maximal ein bis anderthalb Prozent der Körner gehen im Ernteprozess verloren. Das Stroh wird im Heck der Maschine gehäckselt, es erhöht den Humusanteil des Feldes.

Die Futtergerste auf dem neun Hektar großen Schlag ist einige Tage vor dem üblichen Erntetermin reif. Ein sicheres Zeichen: Die Halme beginnen abzuknicken. „Die Wintergerste muss jetzt runter. Die Ähren fallen schon ab“, berichtet Landwirt Müller, der sich den Mähdrescher im Wert von etwa 200 000 Euro mit einem Kollegen in Wendisch Evern teilt. „Jeder Regenschauer ist jetzt zuviel.“

Mit Digitaltechnik wird die Feuchtigkeit bestimmt.

Die Körner dürfen für die Lagerung nicht mehr als 14,5 Prozent Feuchtigkeit enthalten. Die maschinelle Trocknung würde Energie und damit Geld kosten. Fahrer Kohrs klettert auf den Anhänger, greift eine Handvoll Körner und lässt sie in das blaue Messgerät rieseln. Den Deckel dreht er mehrmals um, die Körner werden zermahlen. 13,9 Prozent, das reicht.

So funktioniert der Mähdrescher: Vom Mähwerk (2) werden die abgeschnittenen Getreidehalme per Schnecke (3) und Förderband (4) zur Trommel (6) befördert, in der die Körner herausgeschlagen werden. Das Gemisch aus Stroh und weiteren Körnern wird auf Horden geschüttelt (8). Während das Stroh gehäckselt wird (17), fallen die Körner durch und werden durch Siebe (11, 12) und das Gebläse (10) von kleinen Strohabschnitten und Staub gereinigt und mit der Kornschnecke (15) in den Tank (16) befördert.

Einen Teil seiner 100 Hektar Getreide hat Landwirt Müller bereits per Vorkontrakt für 13 Euro pro Dezitonne (100 Kilo) verkauft, aktuell liegt der Preis lediglich bei 12 Euro (2015: 16 Euro), ein Preis, der kaum die Kosten deckt. Die Landwirte reagieren darauf zum Teil, indem sie das Getreide einlagern, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen, wenn der Erlös steigt, berichtet Müller. Den Preis bestimmt der Weltmarkt.

Von Gerhard Sternitzke

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