Bienenbüttel: Autor der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zum Vorwurf der „Schmiererei“

Von Gelassenheit und Mutterwitz

Bienenbüttels Schokoladenseiten, das Leben dort und wie es sich entwickelt hat – das wollte der FAZ-Autor und Wichmannsburger Michael Martens beschreiben und löste damit in der Gemeindespitze Unmut aus. Foto: Wendlandt

Bienenbüttel. „De gustibus non est disputandum“ – über Geschmäcker, so will es die alte Redensart wissen, lasse sich nicht streiten. Die Lebenserfahrung lehrt uns allerdings, dass sich sehr wohl darüber streiten lässt, vortrefflich sogar. Mit dem Humor ist es nicht anders:

Da amüsiert sich jemand köstlich über einen Witz, den sein Nachbar vollkommen unmöglich findet. Unlängst wurde wieder einmal der Beweis für diese Allerweltsweisheit angetreten, und zwar in Bienenbüttel.

Zum Nachlesen:

Der Beitrag Geschichten aus Bienenbüttel in der FAZ vom 19. Juni ist für kurze Zeit zu lesen auf www. az-online.de

Der Anlass war leider ernst: Die „EHEC-Krise“, als deren Folge Bienenbüttel sich unverhofft und ungewollt einem Medien-Monsun von mehreren Tagen Dauer ausgesetzt sah. Aus der ganzen Welt kamen die Reporter, um ihre Geschichten aus (und zum Teil auch über) Bienenbüttel abzusetzen. Der Verfasser dieser Zeilen erfuhr in Istanbul davon, seinem Dienstsitz als Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Doch aufgewachsen ist er in Wichmannsburg, weshalb ihm ein lokalpatriotischer Schreck in die Glieder fuhr, als er den vertrauten Ortsnamen in derart überraschendem Zusammenhang genannt sah. Sofort sprach er mit der Redaktion: Eigentlich ist er zwar für andere Themen zuständig, doch in diesem begründeten Ausnahmefall schien es ihm ratsam, über seine Heimatregion zu schreiben. Also buchte er einen Flug von Istanbul nach Hamburg und fuhr nach Bienenbüttel.

Uns interessierte die Geschichte hinter der Geschichte: Was geschieht mit einem Ort, der üblicherweise im Schatten der Aufmerksamkeit steht, wenn er plötzlich dem grellen Licht des internationalen Medieninteresses ausgesetzt ist? Und was ist das eigentlich für ein Ort, dieses Bienenbüttel?

In dem Text sollte es in unterhaltsamer, beschwingter Form vor allem um den Strukturwandel gehen, der Bienenbüttel in den vergangenen vier Jahrzehnten geprägt hat. Also nicht zuletzt um die Tatsache, dass es im eigentlichen Bienenbüttel mit seiner tausendjährigen Geschichte heute keinen einzigen Landwirt mehr gibt.

Der Berichterstatter führte Interviews mit dem ehemaligen Gemeindedirektor Dieter Holzenkämpfer, mit dem einstigen Bankzweigstellenleiter Wolfgang Koschel und dem früheren Landwirt Dieter Beckmann. Stets ging es um die Frage, wie sich das Leben in Bienenbüttel im Laufe der vergangenen 40 Jahre verändert hatte. Alle Drei erwiesen sich als kenntnisreiche und humorvolle Gesprächspartner. Besonders Bauer Beckmann hatte einen sympathischen Hang zur Selbstironie.

Aus den Aussagen entstand dann, in Verknüpfung mit eigenen Erinnerungen und Anekdoten, wie sie in jedem Dorf kursieren, die Reportage „Geschichten aus Bienenbüttel“, die in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 19. Juni erschien. Es war (so empfand es jedenfalls der Autor) ein leicht ironischer, augenzwinkernder, aber durchaus positiver und ernst gemeinter Text darüber, wie sich ein deutsches Dorf im Laufe von nur einer Generation verändert hatte.

Welch böse Überraschung erwartete den Autor aber, als er, längst wieder in fremden Gefilden, Kunde aus der Heimat erhielt: Heinz-Günter Waltje, seines Zeichens Bürgermeister von Bienenbüttel, hatte den Text höchstpersönlich zu lesen geruht und war nicht angetan. Und das ist noch milde ausgedrückt, denn der Bürgermeister verlieh seiner Indigniertheit deutlich Ausdruck: Eine „schlimme Schmiererei, diffamierend, gemein und ungerecht“ sei der Artikel in der FAZ, befand der erste Repräsentant aller Bienenbütteler dieses Erdenrunds. Weiter erfuhren die Leser der AZ: „Von saufenden Bauern sei da geschrieben und Bienenbüttel in schlechtestem Licht dargestellt worden.“

Als der Verfasser das las, war er wie vom Donner gerührt. Sollte sein Text tatsächlich derart missverstanden worden sein? Zuvor hatte er nämlich zahlreiche positive Zuschriften bekommen. Zum Teil übrigens auch von Ortsansässigen. Nach dem Donnerwort des Bürgermeisters rief der Korrespondent, leicht verunsichert, bei Landwirt Dieter Beckmann an, der im Interview mit staubtrockenem Heidehumor geglänzt hatte und so etwas wie der Star des Artikels war. Sollte Beckmann auch erbost ein? Nein, sagte der am Telefon, er fühle sich korrekt dargestellt und habe sich sehr amüsiert. Und dass ein anderer darin erwähnter Bauer, der übrigens längst tot ist, gern mal einen zur Brust nahm, das wisse schließlich jeder in Bienenbüttel.

Nun – jeder weiß es offenbar nicht. Und nicht jeder hat verstanden, dass mit der geschilderten Anekdote von dem Bauern, der betrunken und aus vollem Halse Volkslieder singend im Traktor über seine Felder fuhr, keineswegs die Bienenbütteler veräppelt werden sollten. Es wurde einfach ein Menschentyp dargestellt, der ist, wie wir alle sind: Mit Höhen und Tiefen, Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen. Schließlich ist niemand makellos, nicht der Verfasser dieser Zeilen – und nicht einmal der Bürgermeister von Bienenbüttel!

Insgesamt kam der Beitrag bei den Lesern so gut an, dass in der vergangenen Sonntagsausgabe der FAZ schon wieder eine ganze Seite Bienenbüttel gewidmet wurde – was nun wahrlich ein seltenes Ereignis ist. Darin ging es um die Entstehung der Illustration zu dem Text. Sie zeigt eine Welt, die nur aus Bienenbüttel besteht und von emsigen Bienen bevölkert wird. Die Illustratorin hatte sogar eine Mail von einem Bienenbütteler bekommen, mit dem Inhalt: „Glückwunsch! Ganz genau so ist die Bienenbütteler Welt.“

Nur: Jeder sieht sie anders, unsere Welt. Dem Verfasser scheint es zum Beispiel so, dass nicht etwa er es war, sondern im Gegenteil der Bürgermeister Waltje, der Bienenbüttel in „schlechtestem Licht dargestellt“ hat: Als kleinkariert, wenig souverän und absolut humorrestistent. Zum Glück verfügen die Bienenbütteler aber über jene Portion Mutterwitz und Gelassenheit, mit der ihr Bürgermeister nicht im Übermaß gesegnet ist. So können sie auch selbst entscheiden, was denn nun eine „schlimme Schmiererei“ war – die Bienenbüttel-Reportage in einer überregionalen Tageszeitung oder die Reaktion des Bienenbütteler Bürgermeisters darauf.

Von Michael Martens

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