Mysteriöser Leichenfund in einer Hamburger Tiefgarage / Funktionärin Biggi Reichert verbrachte Freizeit in Bienenbüttel

Tod einer Scientologin

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Biggi Reichert war gläubige Scientology-Anhängerin, hier bei einer Auszeichnung. Welche Rolle spielte bei ihrem Tod die umstrittene Religionsgemeinschaft und ihr Aufenthalt in der Zentrale?

Hamburg/Bienenbüttel. Eine dunkle Tiefgarage in Hamburg. Weiße, schmutzige Wände. Wasser tropft von der Decke. Ein trostloser Ort. Hier wurde am 5. März 2006 die Leiche der Hamburger Tierärztin Walburga Reichert, genannt Biggi, gefunden.

Die Todesursache: eine Mischung aus Abgasen und Tabletten. Bis heute sind die Hintergründe des Falls nicht aufgeklärt. Biggi Reichert hatte eine Funktion in Scientology. Eine Spur führt nach Bienenbüttel.

In dieser Garage wird Biggi Reichert gefunden. Scientology verweist auf private Probleme.

Auf den ersten Blick sah der Leichenfund von 2006 wie ein gewöhnlicher Selbstmord aus. Marco, ein Neffe von Biggi: „Sie war da immer völlig dagegen. Weil sie hat auch immer gesagt: ,So etwas gibt‘s bei Scientology nicht.‘ Die haben ja ihren Glauben, ihre Gemeinschaft, und da hilft ja jeder jedem. Eigentlich.“

Marcos Tante war nicht irgendwer bei Scientology. Als „Operierender Thetan Nr. 8“ galt die 40-Jährige als „geläutertes Geistwesen der höchsten Stufe“. Dass sie eine glühende Anhängerin der umstrittenen Religionsgemeinschaft war, wusste ihre Familie. Daheim in Bayern wurde häufig darüber gestritten. Biggi Reichert war zum Zeitpunkt ihres Todes „PES“, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit in der Hamburger Zentrale.

Brandwunden auf der Kopfhaut der Toten.

Im Auto finden die Ermittler blutige Taschentücher, Spritzen und Medikamente. Als die Leiche obduziert wird, entdecken die Gerichtsmediziner zudem 28 Brandwunden ähnliche Stellen am Kopf der Toten. Diese seien ihr offenbar wenige Tage vor ihrem Tod zugefügt worden. Zu dieser Zeit war sie in den USA im Hauptquartier von Scientology. Deswegen wird Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung gestellt. Ähnliche Verbrennungen wurden bei unsachgemäßer Durchführung einer Elektroschockbehandlung beobachtet. Zwei Jahre lang ermittelt das Hamburger Landeskriminalamt. Ohne Ergebnis. Die Ursache wurde nie wirklich ermittelt, sagt Marco, der Neffe. Warum fanden die Beamten in dieser Zeit nichts über die Umstände dieses Todes heraus? Wurde schlampig ermittelt? Gab es kein Interesse an der Aufklärung oder scheuen die Behörden die Auseinandersetzung mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Religionsgemeinschaft?

Tatsache ist: Ende 2005 war Biggi Reichert verschuldet. Sie arbeitete für eine kleine Aufwandsentschädigung über 40 Stunden in der Hamburger Scientology-Zentrale, zusätzlich bis zu 30 Stunden in einer Tierarztpraxis und half ihrem Mann in dessen Immobilienfirma. Offenbar erfolglos bat Biggi Reichert ihre Vorgesetzte, die Direktorin in Hamburg, um Hilfe, flog dann Ende Februar 2006 verzweifelt in die USA. Am 1. März 2006 kehrte sie zurück, offenbar nach Bienenbüttel. So steht es im Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft.

Pferde waren das Spezialgebiet der Tierärztin.

Die Familie der Verstorbenen berichtet davon, dass Biggi Reichert als Tierärztin oft auf einem Ponyhof in Bienenbüttel geholfen habe. Pferde seien ja ihr Spezialgebiet gewesen. Sowohl die Hamburger Gerichtsmedizin als auch das Landeskriminalamt beantragen damals Hausdurchsuchungen auf dem Anwesen. Doch die Staatsanwaltschaft lehnte ab. Offenbar kein Einzelfall. Immer wieder scheuen sich Behörden, gegen Scientology mit den gleichen Mitteln vorzugehen wie zum Beispiel gegen Spielhallenbetreiber oder einen Restaurantbesitzer. Erwiesen ist, dass ein schwarzes Tagebuch verschwand. Ein Laptop wurde gelöscht.

Hat Biggi Reichert sich wirklich selbst umgebracht? Was bedeuten die Spritzen und die blutigen Papiertücher? Und woher genau stammen die 28 Kopfwunden, die offenbar zum Zeitpunkt ihres Aufenthaltes in der Scientology-Zentrale in Clearwater entstanden sind?

Diese Fragen quälen die Familie seit zehn Jahren. Immer wieder stehen dabei die letzten Tage ihres Lebens im Fokus. Die Zeit vom 1. bis 5. März 2006. Denn damals war sie laut Aktenlage auch auf dem Ponyhof. Eine Mitarbeiterin des ehemaligen Pächters hatte sie mehrfach gesehen.

Sie wünsche Niemand, dass ein Kind so sterben muss, sagt die heute über 80-jährige Mutter. Scientology selbst streitet jeden Vorwurf ab und verweist auf rein private Probleme der Verstorbenen. Die Hoffnung, dass eines Tages noch einmal die Wahrheit ans Licht kommt, ist gering, aber sie besteht.

Wer hat Biggi Reichert in Bienenbüttel zu der fragwürdigen Zeit gesehen? Wer kann etwas zu ihren Aufenthalten dort sagen? Wer kennt Menschen, die zu dieser Zeit auf dem Ponyhof gearbeitet haben? Sie fuhr einen dunkelblauen VW Corrado mit Hamburger Kennzeichen. Hinweise an markus.thoess@pinguinfernsehfilme.de.

Von Markus Thöß

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