Drei Jahre nach der Epidemie

EHEC: "Wir sind froh, dass es vorbei ist"

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Zucchini-Ernte auf dem Gärtnerhof Bienenbüttel: Nach der Sperrung des biologisch-veganen Betriebs während der EHEC-Epidemie hat sich Klaus Verbeck auf die Gemüse- und Kräuterproduktion zurückbesonnen.

Steddorf. Seine Sprossen isst er immer noch. Drei bis sieben Tage brauchen die Samen von Luzerne, Radieschen und Rettich, um zu keimen. „Die Sprossen haben extrem viele Vitamine und Mineralien“, erklärt Klaus Verbeck.

Früher hat der 46-Jährige im großen Stil produziert. Zwei bis drei Tonnen Sprossen pro Woche verließen die Produktionshalle des Gärtnerhofs Bienenbüttel, die heute verpachtet ist. Täglich fuhr der Kühllaster von Steddorf zum Hamburger Großmarkt.– Bis die EHEC-Epidemie kam. Und Verbeck und seine Partnerin Uta Kaltenbach (50) vor drei Jahren fast in die Insolvenz getrieben hätte.

Auf keiner einzigen von 1000 Proben wurde der EHEC-Keim nachgewiesen

Der weiße Transporter steht abfahrbereit auf dem Hof. Am Morgen haben der Gärtnermeister und seine Mitarbeiter für den Lüneburger Wochenmarkt geerntet. Gurken, Tomaten, knackiger Salat und Kräuter sind in grünen Plastikkisten aufgestapelt. Der Salat fällt etwas kleiner aus als üblich, weil es viel geregnet hat. Verbeck und Kaltenbach haben ihre Stammkunden auf dem Lüneburger Wochenmarkt, direkt vor dem Rathaus stehen sie. Freitags öffnet der Hofladen in Steddorf. Der Naturland-Betrieb ist der einzige im Landkreis Uelzen, der Gemüse nach biologischen und veganen Prinzipien produziert. Statt tierischen Dünger sät Verbeck Luzerne und Klee, die Luftsauerstoff sammeln und den Boden aufschließen. Jeweils ein Drittel des vier Hektar großen Geländes lässt er als Brache liegen. Stark zehrende Pflanzen düngt er mit Malz-Pellets.

Die Idylle ist fast wieder perfekt. Gurken- und Tomatenranken baumeln an langen Seilen im Gewächshaus. Baumreihen umgeben die Beete wie eine geschützte kleine Welt. Von der nahegelegenen Bundesstraße ist nichts zu hören. Das Gärtnerpaar, eine Mitarbeiterin und zwei Auszubildende leben hier im Grünen wie auf einer Ferienwohnanlage. „Datscha“ steht auf dem Schild am kleinen Blockhaus der Gärtner. Die kleine Gemeinschaft lebt und arbeitet nach dem Rhythmus der Natur. Damals, im Sommer 2011, brach EHEC in diese kleine Welt ein wie eine Naturkatastrophe.

EHEC steht für Enterohämorrhagische Escherichia Coli, wissenschaftliche Bezeichnung: 0104:H4, eine besonders aggressive Variante eines bekannten Darmkeims. Über 3800 vorher kerngesunde Menschen kamen von Mai bis Juli 2011 mit Bauchkrämpfen und blutigem Durchfall zum Arzt, Hunderte lagen auf den Intensivstationen, 53 Patienten starben. Die Behörden standen unter Druck.

In dieser Halle wurden die Samensprossen gezogen.

Zunächst gerieten spanische Gurken in Verdacht. Dann führte eine im Kühlschrank vergessene Packung mit der Aufschrift „Milde Sprossen“ nach Steddorf. Der Besitzer lag tagelang auf der Intensivstation des Lüneburger Klinikums. Auch Mitarbeiter des Gärtnerhofs waren erkrankt, bei einer Mitarbeiterin wurde EHEC nachgewiesen. Für den damaligen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Gert Lindemann stand fest: Ausgangspunkt der Epidemie sei der Gärtnerhof in Steddorf, der Bockshornkleesamen aus Ägypten verarbeitet hatte. Es traf ausgerechnet einen ökologischen Kleinbetrieb, mit Zertifikat für die Hygienemaßnahmen bei der Verarbeitung der Sprossen.

Der Landkreis Uelzen sperrte den Gärtnerhof im Juni 2011. Ein Kühllaster, der auf dem Weg zum Großmarkt in Hamburg war, wurde zurückbeordert. Die gesamte Lebensmittelproduktion, auch das Gemüse, wurde vernichtet. Sechs Wochen lag der Gärtnerhof wie in Quarantäne. Ab Ende Juli durfte Verbeck wieder produzieren. Auf keiner von 1000 Proben konnte der EHEC-Erreger nachgewiesen werden. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zweifelt bis heute an, dass die Bockshornklee-Sprossen vom Gärtnerhof Auslöser der weltweit größten EHEC-Epidemie waren.

„Ich habe es auf die Titelseite der Mopo geschafft“, erinnert sich der Gärtnermeister. „Wir hatten an die 10 000 Presseanfragen in drei Jahren.“ Zeitweise musste ein Sicherheitsdienst den Betrieb abschirmen. Die beiden Geschäftsführer erlitten Nervenzusammenbrüche. Seitdem läuft der Anrufbeantworter. Zum Schutz, denn bis heute rufen Journalisten an. „Wir sind froh, dass es vorbei ist und dass wir es überstanden haben“, sagt Verbeck. Groll verspürt der bärtige Gärtnermeister mit dem gutmütigen Gesichtsausdruck nicht mehr. Gegen den Landkreis hatte er wegen des entstandenen wirtschaftlichen Schadens geklagt. 2012 hat man sich außergerichtlich geeinigt. Über das Ergebnis des Vergleichs wurde Stillschweigen vereinbart.

„Nach dem damaligen Informationsstand war Handlungsbedarf da“, räumt der Gärtnermeister ein. Mit den wirtschaftlichen Folgen der Entscheidung – 90 Prozent der Umsätze brachen weg – muss er bis heute leben. Um die Sprossenproduktion neu aufzubauen, fehlte das finanzielle Polster. Die Maschinen hat er verkauft. Von 15 Mitarbeitern blieben drei Teilzeitstellen und zwei Auszubildende. Verbeck und Kaltenbach teilen sich eine Stelle.

„Ich habe meine Versicherungen gekündigt“, erzählt Verbeck. Er kommt über die Runden. Nach EHEC hat sich der Gärtnermeister auf seine Ursprünge zurückbesonnen. Der Gärtnerhof produziert wieder mehr Gemüse, setzt auf Spezialitäten wie bunte Tomaten. Morgen ist Pflanztag. Grünkohl, Spitzkohl, Wirsingkohl, Kohlrabi, Salat und Kräuter kommen in die Erde. „Die Kunst ist, genausoviel zu erzeugen, wie man auf dem Markt verkauft“, erklärt Verbeck beim Gang durch die Beete.

Heute, nach drei Jahren, kann er den Ereignissen auch etwas Positives abgewinnen: „Das ist jetzt vorbei. Dafür kann ich jetzt wieder mehr draußen arbeiten.“

Von Gerhard Sternitzke

Bilder von 2011 – Der Gärtnerhof im Fokus der Öffentlichkeit

Stammt der EHEC-Erreger aus diesem Bauernhof?

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