Warum Menschen ihre freien Tage lieber beim Campen verbringen

Camper in der Heide: Pauschalurlaub? Nein, danke!

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Hannelore und Hans Böschen verbringen zusammen mit ihrer Enkelin Marie (5) einige Tage auf dem Stellplatz von Bienenbüttel. Sie sind wegen der Natur in die Lüneburger Heide gekommen.

Bienenbüttel/Ebstorf. Nun tropft das Unglück von der Wäscheleine – aus ihrer durchnässten Kleidung unter einem Dach aus Plastik: Als Joost und Rieneke van der Plicht nach einem Radtrip durch die verregneten Wälder endlich den Ebstorfer Campingplatz erreichen, fehlt es ihnen an vielem – und doch an nichts.

So sieht es zumindest das Paar aus Holland selbst. Wer schon einmal mit einem Zelt im Sturm über einen dänischen Campingplatz geflogen sei und mit Igeln auf einer Isomatte geschlafen habe, der lasse sich von ein paar Regenschauern nicht aus der Ruhe bringen.

Rieneke und Joost van der Plicht erleben seit 40 Jahren ihre Urlaube auf dem Fahrrad und im Zelt.

Seit 40 Jahren reisen die Van der Plichts mit Rad und Zelt durch Europa. Morgen schon wollen sie nach Travemünde, von dort aus weiter mit dem Schiff nach Lettland, anschließend über Polen und Deutschland wieder zurück in die Niederlande. Der Tourenzähler werde dann knapp 5000 Kilometer mehr anzeigen, erzählt Joost van der Plicht, während er auf der Suche nach seiner Landkarte in einem Haufen Plastiktüten wühlt.

Lektion eins: Hier wird nichts der Technik überlassen – und erst recht nicht dem Zufall. Exakt 17 Kilo wiegt das Gepäck der Abenteurer, am meisten vermutlich das Zelt, von dem die Künstlerin und der frühere Umweltberater überzeugt sind, dass es sie trocken durch die Nacht bringt. Es hat etwa den Wert eines einwöchigen Pauschalurlaubs auf Mallorca.

Pauschalurlaub? Für Volkhard und Helga Hörenz aus Bremen käme diese Art des Reisens nicht infrage: „So lange wir im Hotel die Treppen steigen können, werden wir auch campen.“ Da ist sich Helga Hörenz sicher. Die 75-Jährige blickt aus dem Fenster ihres Wohnmobils. Bis auf die Van der Plichts ist draußen niemand zu sehen, auch nebenan bei den Dauerstellplätzen herrscht noch kein Leben. Anders bei Familie Hörenz, die gleich nach ihrer Ankunft das Vorzelt aufgebaut und ein Stoff-Schuhregal an der Außenwand angebracht haben. „Man lässt sich ja immer etwas einfallen“, erklärt Helga Hörenz dazu und schmunzelt. Vor allem nämlich praktisch müsse die Ferienwohnung auf Rädern sein. Was die beiden Rentner aus Bremen nach Ebstorf treibt? Die Kultur. Weil sie im Herbst mit Freunden den Landkreis entdecken wollen, stecken sie nun vor Ort mitten in der Programmplanung. Drei Ziele stehen schon fest: die Ellerndorfer Heide, das Ebstorfer Kloster und der Hundertwasser-Bahnhof.

Nicht die Kultur, sondern die Natur der Gegend wollen dagegen Hannelore und Hans Böschen mit ihrer Enkelin Marie (5) vom Stellplatz Bienenbüttel aus entdecken. Einer konkreten Route folgten sie nicht, sagt Hans Böschen. Wozu auch? „Wir sind mit dem Fahrzeug autark. Wir könnten im Wald stehen, wenn man das dürfte, und bräuchten keinen Stromanschluss, denn wir haben Solar.“ Die Kraft der Sonne allerdings hat längst auch die Thermometeranzeige im Wageninneren in die Höhe schnellen lassen. 30 Grad sollen es sein, die Familie flüchtet am Nachmittag auf die Wiese vor der Ilmenauhalle, wo Marie munter mit einem Blumenkranz im Haar durch das hohe Gras hüpft und Hannelore Böschen begeistert von ihrem ersten Blick in die Bahnhofstraße berichtet: „Hans, das musst du dir anschauen. Das ist ja bald hübscher als unser Mölln!“

Wie zur Antwort ertönt ein Donnern aus der Ferne. Marie blickt skeptisch zum Himmel, doch ihre Großmutter ist nicht aus der Ruhe zu bringen: „Wenn das Gewitter näher kommt, gehen wir ins Wohnmobil und hören das Prasseln auf dem Dach.“ Sie lacht: „Das ist die Musik der Natur.“

Von Anna Petersen

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