Bienenbüttels vergessene Dichterin: Axel Holst setzt der Beverbeckerin Mia Meyer ein Denkmal

Den Bleistift in der Kittelschürze

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Mutter, Hausfrau und Dichterin: Mia Meyer mit Sohn Uwe. Wenn die Familie schlief, arbeitete sie an ihren Gedichten.

Bienenbüttel/Beverbeck. Das Plattdeutsche war ihre Muttersprache. Mia Meyer (1894 bis 1962) hat sich als Mundartdichterin in der Region einen Namen gemacht.

Die Gedichte der Beverbeckerin erschienen regelmäßig in der AZ, bei Veranstaltungen rund um Bienenbüttel war sie eine gefragte Persönlichkeit – heute kennen nur noch die Alten den Namen. Axel Holst (78) aus Bienenbüttel, studierter Germanist und früher unter anderem Leiter der Heimvolkshochschule Bevensen, setzt ihr jetzt mit einem Buch ein Denkmal. Es erscheint als Band 19 der „Spuren“-Reihe zur Geschichte Bienenbüttels.

Dass die Beverbecker Bauerstochter Dichterin würde, war alles andere als wahrscheinlich. Als ihre Mutter erkrankte, musste Mia Meyer die Berufsschule für Mädchen in Hamburg verlassen. Zurückstecken musste sie auch, nachdem sie einen Melbecker Bauernsohn geheiratet hatte. In Beeskow in der Mark Brandenburg fand er eine Anstellung. „Ihre Gedichte schrieb sie nachts, wenn die Familie schlief“, weiß Holst. „Sie ist immer mit Schreibblock und Bleistift in der Schürze in den Garten gegangen.“ Dabei war die Hausfrau und Mutter dennoch produktiv, ihre Gedichte erschienen in der Tageszeitung – in hochdeutscher Sprache, versteht sich. Die Märker hätten sie sonst nicht verstanden. Im Archiv der märkischen Stadt erschloss Holst 200 Gedichte, die dem Buch auf einer CD angehängt sind.

„Das ist keine große Literatur“, räumt Holst ein. „Aber diese Frau hat nur acht Jahre Volksschule und schreibt dennoch ein erstklassiges Deutsch, und sie hat einen sehr großen Wortschatz.“ Ihre Themen fand sie häufig in der Natur. Die Vorbilder mögen der Heidedichter Hermann Löns (1866 bis 1914) und die Unterhaltungsliteratur in der Zeitschrift „Gartenlaube“ gewesen sein. „Wo purpurrot die Heide träumet, wo Ginstergold die Wege säumet“, so beginnt ihr Gedicht „Niedersachsen“. Dabei hob sich Mia Meyer von anderen Schriftstellerkolleginnen ab: „Sie hat sehr schöne Naturbeobachtungen, und was nicht so selbstverständlich ist: Sie verbindet Natur und Religion miteinander“, erklärt Holst.

Er hat sich auf die Jahre 1925 bis 1945 konzentriert, die große Lücke in Mia Meyers bisher bekannter Biographie, als die Heidedichterin mit ihrer Familie in der Mark Brandenburg lebte. Dabei geht Holst auch auf die Zeit im Dritten Reich ein. „Sie war anfangs begeistert vom Nationalsozialismus“, berichtet er. „Als der Kirchenkampf und die Judenverfolgungen begannen, kam sie wohl in einen religiösen Konflikt.“ Ein Parteibuch besaß sie nie. Ab 1935 veröffentlichte sie keine Gedichte mehr. Die Ursache könnte auch eine schwere Erkrankung gewesen sein.

Nach der Flucht 1945 fanden Mia Meyer und ihre Familie zunächst auf dem elterlichen Hof in Beverbeck Unterschlupf, 1948 baute sie dort ein Haus. Zurück in der Heimat schrieb Mia Meyer nur noch auf Plattdeutsch. Dabei beließ sie es nicht nur bei der Naturromantik, sondern schilderte auch die Not der Flüchtlinge. Von Mia Meyer stammt auch das Bienenbüttel Lied. Auf den Bevensen-Tagungen galt Mia Meyer als die Patronin. Und irgendwann wurde sie vergessen.

• Axel Holst: „Mia Meyer – Eine Heidedichterin in der Mark Brandenburg 1925 - 1945“, Spuren, Band 19, erhältlich im Rathaus Bienenbüttel.

Von Gerhard Sternitzke

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