Treffen in Lüneburg behandeln Ursachen der Kontrollprobleme

Alkohol, Streit, Polizei: Anti-Gewalt-Training für Männer

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Mit ihren Gewaltausbrüchen und Aggressionen setzen sich die Männer im Anti-Gewalt-Training der Lüneburger Fachstelle Sucht und Prävention regelmäßig auseinander.

Lüneburg. Gewalttätige Männer kommen freitags in den Gruppenraum der Lüneburger Fachstelle für Sucht und Suchtprävention (drobs). Dort findet unter fachlicher Aufsicht ein Anti-Gewalt-Training statt. 

Sven F. (Name von der Redaktion geändert) fehlen die Worte – ausgerechnet im Rückblick auf jenen Moment, in dem er zu viele fand. Ja, schlimmer noch, die falschen. Und so wandert der 34-Jährige mit betont nachdenklicher Haltung durch den Gruppenraum der Lüneburger Fachstelle für Sucht und Suchtprävention (drobs) und versucht zu rekapitulieren, was ihn hierher getrieben hat: ein verhängnisvoller Dezemberabend mit zu viel Alkohol, der Schrei seiner Frau, die Polizei.

Beim Anti-Gewalt-Training für Männer, das immer freitags zwischen 15 und 17 Uhr an der Lüneburger Heiligengeiststraße 31 stattfindet, ist diese Melange keine seltene. Zumindest, was den Teil mit dem Alkohol und der Polizei betrifft. Die meisten Männer, die sich hier regelmäßig mit ihren gewalttätigen Impulsen auseinandersetzen, sind ihre Partnerinnen körperlich angegangen. Nicht so Sven F.. Er tat es mit Worten: „Fotze, was soll das?“, habe er seiner Frau ins Gesicht geschrien. „Und ich habe sie angespuckt“, gesteht der gebürtige Uelzener mit schuldbewusster Miene, „verachtenswerterweise...“

All das hat seine Frau mit ihrem Smartphone als Audiodatei festgehalten. Daher meint Sven F. auch zu wissen, dass sie es war, die zuerst laut wurde, kurz nachdem er nach Hause kam – frustriert wegen eines schlecht verlaufenen Behördentermins und des Attentats auf Paris Ende vorigen Jahres. „Ich hatte einen totalen Nervenzusammenbruch, war alkoholisiert.“ 1,7 oder 1,9 Promille – so genau kann sich der zweifache Vater nicht mehr erinnern. Sicher sei aber, dass er wütend war und seine Partnerin von all dem, was er in diesem Zustand zu sagen hatte, nichts hören wollte, dass er sich darum allein auf den Balkon verzogen habe und später mit der Zigarette wieder in die Wohnung trat. Sie habe geschrien: „Das ist ein Nichtraucherhaushalt!“ Seine Nachbarn müssen die Polizei alarmiert haben, denn kurz darauf standen die Beamten in der Wohnung.

Streit stand bis dato auf der Tagesordnung im Hause F.. Schon Belanglosigkeiten wie das regelmäßige Staubsaugen konnten zur Eskalation führen, erinnert sich Sven F.. Beim Anti-Gewalt-Training wolle er nun lernen, in kritischen Situationen Ruhe zu bewahren und die Lage sachlich zu beurteilen – bevor eines Tages Schlimmeres passiere.

„Zum Streit gehören immer zwei“, betont er gleich mehrfach. Allerdings: Oft litten darunter gleich drei Menschen oder mehr, weiß Sozialpädagoge Sascha Freitag, der die 26 Trainingseinheiten betreut. Gemeint sind die Kinder: „Auch das Ansehen einer Gewalttätigkeit kann schon Schäden hervorrufen.“ Die meisten Männer, die das Training nutzen, hätten in jungen Jahren selbst solche Erfahrungen gemacht. Ein Kreislauf. In der Pubertät, mit der ersten Freundin, kämen dann häufig Defizite zum Tragen: Fehlende Selbstachtsamkeit zum Beispiel und das Gefühl von Hilflosigkeit in Streitsituationen, wie es auch Sven F. erlebt hat. Trotzig wie ein „kindlicher Rebell“ habe er sich in solchen Augenblicken verhalten, sagt er – heute als ein Erwachsener, der mittlerweile vom Alkohol lieber die Finger lasse.

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