Eine Landschaft fürs Lernen

Bad Bodenteich. Keinen Stress vor Klassenarbeiten, keine Zensuren, keinen festen Stundenplan und eigentlich auch keinen festen Unterricht. Das klingt nach einer revolutionären Schulreform, ist aber nichts anderes als eine Umstrukturierung des Unterrichts, von der in erster Linie die Schüler, aber auch die Lehrkräfte profitieren können.

Diese Art von Unterricht entspricht natürlich nicht den gängigen Richtlinien und Lehrplänen. Der offene Unterricht aber kann die Sozialisierung, Selbstständigkeit und Einsatzbereitschaft der Schüler fördern. Das gelingt ganz offenbar an der Hauptschule in Bad Bodenteich. Seit Beginn des laufenden Schuljahres wird dort in der Jahrgangsstufe 5 das Modell des offenen Unterrichts als Projekt durchgeführt. Und wie das funktioniert, davon konnte man sich am Sonnabend im Rahmen eines Tages der offenen Tür ein Bild machen.

Lehrer Frank Seidel kontrolliert die Unterrichtsergebnisse. Fotos: Bleuel

Die Türen zu den Räumen standen tatsächlich offen. Einen Klassenraum im herkömmlichen Sinn gibt es nicht. Den Schülern stehen drei Räume für Gruppen- oder Einzelarbeiten zur Verfügung, daneben gibt es einen Schweigeraum, in dem still gearbeitet wird. Dabei ist es jedem Schüler freigestellt, mit welchen Inhalten er sich und wo beschäftigen möchte. Die Räume werden zu einer Lernlandschaft, in der viel (geistige) Bewegung ist und die unterschiedlichen Leistungen der Kinder berücksichtigt werden. In der Regel sind stets zwei Lehrkräfte anwesend, die beraten, weiterhelfen, Ergebnisse kontrollieren und auswerten.

Frank Seidel ist einer dieser Lehrer. „Das Projekt konnten wir schon nach vier Wochen als gelungen betrachten“, erzählt er und erläutert warum. Die Schüler legen eine hervorragende Arbeitshaltung an den Tag, leben von positiven Lerneffekten, sozialisieren sich im Umgang miteinander, sind tolerant auch gegenüber einem Mitschüler mit Förderbedarf, denn die Jahrgangsstufe 5 ist eine Integrationsklasse und arbeitet in diesem Bereich mit der Suhlendorfer Erich-Kästner-Schule zusammen.

Zu Beginn einer Woche findet montags ein frontaler Unterricht mit Einführung und Übung neuer Unterrichtsstoffe statt. Im restlichen Verlauf der Woche wird größtenteils frei gearbeitet, wobei die Selbständigkeit und die Individualisierung des Lernens im Vordergrund stehen.

Aus der Pflicht wird eine Selbstverpflichtung. Mehr noch: gute Schüler bieten sich an, anderen bei der Arbeit zu unterstützen und so zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen.

Am Ende der Woche werden die Wochenpläne ausgewertet, wird festgelegt, ob die Lernziele erreicht worden sind, wo noch mehr gemacht werden kann oder muss. Und wer diese Art von Unterricht in nur wenigen Stunden miterlebte, sah eigentlich nur gutgelaunte Schüler, die mit Spaß bei der Sache waren und sich durchweg einzubringen wussten.

Von Ulrich Bleuel

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