Zwischen Fördern und Isolieren

Wenn Gewalt schon im Kindesalter eine Rolle spielt, sind Eltern, Lehrer und Behörden gefragt.

Bad Bevensen - Von Ines Bräutigam. Er soll im Schulbus mit einem Messer hantiert haben, mit Feuerzeug und Haarspray und den kleineren Kindern damit mächtig Angst eingejagt haben. Ein 13-jähriger Schüler der Dohrmannschule in Bad Bevensen sorgt zurzeit für Unruhe, schüchtert vor allem einige jüngere Schüler der benachbarten Grundschule ein. „Meinem Sohn und anderen Kindern hat er gedroht: Wenn ihr was sagt, stech‘ ich euch ab“, berichtet eine besorgte Mutter. Das bedrohliche Verhalten des Dohrmannschülers führte jetzt dazu, dass ihr Sohn an einem Tag vor lauter Angst nicht zur Schule gehen konnte.

Die Verantwortlichen handelten zwar sofort, zogen die Schulbusfahrkarte des Jungen ein, und Hubert Kallien, Leiter der Dohrmannschule, beurlaubte den 13-Jährigen für einige Tage vom Unterricht. Doch die Eltern der Grundschüler meinen: „Das kann es ja wohl nicht sein.“ Inzwischen haben sie bei der Polizei Anzeige erstattet – wo der Dohrmannschüler längst kein Unbekannter mehr ist.

Damit nicht genug: Die Eltern der Grundschüler haben Kontakt zur Politik aufgenommen, haben unter anderem Innenminister Uwe Schünemann – bei dessen Besuch vergangene Woche in Ebstorf – einen Brief übergeben, in dem sie fordern, „dass nicht immer nur die Täter geschützt werden, sondern vor allem die Opfer“, formuliert es die Mutter des Viertklässlers, der von dem 13-jährigen Jungen bereits massiv angegangen worden sei. „Bei den Kindern entstehen da Verletzungen in der Seele“, sagt sie und kritisiert, dass die Eltern in diesen Situationen allein gelassen würden. „Mich ärgert das maßlos, da müssen doch Gesetze geändert werden“, fordert die Mutter, die aus Sorge um ihren Sohn anonym bleiben möchte.

Nach ihrer und anderer Eltern Auffassung seien die Aufsichten, die derlei Konfrontationen zwischen Schülern verhindern sollten, nicht ausreichend. Die Mütter und Väter gingen sogar so weit, dass sie sich selbst in Sichtweite des Schulbusses postiert haben, um zu beobachten, wie viele Aufsichtspersonen vor Ort sind. Während sie die vorhandene Aufsicht für mangelhaft halten, betonen die Rektoren der beiden Schulen, Hubert Kallien für die Dohrmannschule und Friederike Hein für die Waldschule, dass es da keinerlei Anlass für Beanstandungen gibt: Für Aufsicht war und ist gesorgt, sagen sie.

„Wir nehmen die Sorgen der Eltern sehr ernst“, betont Hubert Kallien. Er bestätigt das „unangenehme Auftreten“ des 13-Jährigen, dessen erklärtes Ziel es sei, „Gangster“ zu werden, und bezeichnet dessen Drohverhalten als „Teil seines Lebens“. Der Junge bewege sich in einem Umfeld, das negativen Einfluss auf ihn habe; seine Mutter stehe dem inzwischen hilflos gegenüber.

Am Montag haben Vertreter von Schule, Polizei und Jugendamt mit Mutter und Sohn beraten, wie es nun weitergehen soll. „Im Grunde ist es eine Niederlage für Lehrer und Schüler“, sagt Hubert Kallien. So sei man überein gekommen, Kontakt zum Jugenddorf Göddenstedt aufzunehmen, um den 13-Jährigen dort unterzubringen. Für den Leiter der Dohrmannschule eine unbefriedigende Situation, die „ein ungutes Gefühl“ hinterlasse. Denn letztendlich sei eine solche Maßnahme keine Lösung, sondern nur ein Zur-Seite-schieben. Man habe aber die Hoffnung, dass diese private Schule andere Möglichkeiten hat, mit dem Jungen, der schon seit Grundschulzeiten auffällig ist, zu arbeiten.

Brigitte Lindenthal, Leiterin des Jugendamtes im Landkreis Uelzen, darf sich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zu diesem konkreten Fall äußern. „Was gemacht werden kann, das wird gemacht“, betont sie aber. „In jedem Fall, in den das Jugendamt eingeschaltet wird, muss man zuerst sichten, was in der Familie los ist“, erklärt sie. Und dann müsse die Frage beantwortet werden: Was ist überhaupt möglich? „Wunder“, sagt Brigitte Lindenthal, „können wir natürlich keine bewirken.“

Für Schulleiter Hubert Kallien verbirgt sich hinter diesem Fall eine ganz allgemeine Problematik. „Wir wollen solche Kinder und Jugendlichen eigentlich fördern, aber im Grunde isolieren wir sie.“ In Fördereinrichtungen verdichte sich die Situation oft, weil dort die Wahrscheinlichkeit groß sei, dass auffällige Schüler sich wiederum mit anderen auffälligen Schülern zusammen tun. Man müsse sich klar darüber werden, so Kallien, dass auch diese Kinder und Jugendlichen „ein Stück Normalität“ seien.

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