Nach dem Kindesmissbrauch: Ex-Frau des verurteilten Bevensers und Eltern von Opfern berichten

„Wir sind es, die zerstört wurden“

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Bad Bevensen / Lüneburg. Als die Mutter seiner Tochter gestern Morgen spricht, hebt der Angeklagte das erste Mal während des gesamten Prozesses den Kopf und blickt die Frau, mit der er einmal ein gemeinsames Leben hatte, offen an.

Es ist die Frau, über die der 47-jährige Angeklagte im Kindesmissbrauchsprozess viel Leid gebracht hat. Über sie, die gemeinsame Tochter, über eine Reihe weiterer Familien. Am letzten Tag der Hauptverhandlung gegen den Mann aus Bad Bevensen schildern die 42-Jährige und weitere Eltern, was seine Taten für sie bedeutet haben.

Am Tag nach der Hausdurchsuchung, als alles herausgekommen war und der Ex-Mann nach einem Suizidversuch blutend in der Badewanne gelegen habe, sei sie mit ihren Kindern nach Hause gekommen, erzählt die Frau. „Papa, wo bist du denn? Was macht Papa da?“ hätten ihre Tochter, die der Vater ebenso wie neun weitere Mädchen sexuell missbraucht hatte, und ihr jüngerer Bruder gefragt. „Es war klar, dass wir in diesem Haus nicht bleiben konnten“, sagt die 42-Jährige. Die Kinder hätten es danach auch nie wieder betreten wollen.

Von jetzt auf gleich habe sie ihr Kind von der Schule nehmen müssen, schildert die Mutter und kämpft mit den Tränen. Angesprochen worden sei sie von Dritten, dass ihre Tochter in der Außendarstellung stark sexuell geprägt sei: Das Kind hebe ständig den Rock und kleide sich auch im Winter nur leicht. Schon früher sei die Mutter von Nachbarn gefragt worden, warum die damals Siebenjährige nackt mit dem Fahrrad durchs Dorf fahre. All dies müsse jetzt aufgearbeitet werden.

„Sie hat das immer als normal angesehen, was mein Ex-Mann mit ihr gemacht hat“, berichtet die Frau. „Und er hat sie benutzt, um die anderen Mädchen in den Keller rein zu kriegen und sie da zu bearbeiten...“ Besonders schmerzhaft: Die Vorwürfe, dass ihre Mutter sie mit all dem allein gelassen habe, habe ihre Tochter bislang nur einer Therapeutin anvertrauen mögen, schluchzt die 42-Jährige. „Heute kämpfen wir darum, dass sie in ein normales Leben zurück findet“, sagt sie.

Die Mutter eines weiteren Opfers berichtet gestern Morgen dem Gericht, wie ihre Familie zum Mobbingopfer anderer Familien im Dorf geworden sei, nachdem sie Anzeige gegen den Angeklagten erstattet hatte. „Wir wurden angesprochen, was uns einfalle, eine Familie zu zerstören“, sagt die 36-Jährige und ihre Stimme bricht. „Dabei sind wir es, die zerstört wurden.“ Jeden Abend gehe sie ins Bett und habe diese Bilder vor Augen. Die Bilder, die der Angeklagte von ihrer Tochter gemacht hat.

Schwer sei es heute, Vätern zu vertrauen, wenn ihre Tochter bei anderen Familien zu Besuch sei. Einmal habe ein Vater ihrer Tochter nur über den Kopf gestrichen – das habe sie kaum ertragen können. „Es ist schwer, damit umzugehen“, sagt die junge Mutter, „weil unsere Tochter so oft da war und wir ihr nicht helfen konnten.“ Sie und ihr Mann seien in therapeutischer Behandlung. Ihr Mann könne nicht mehr arbeiten, seit die Eltern die Nacktfotos ihrer Tochter gesehen haben. Ihre Tochter selbst fange erst jetzt an, all das Geschehene langsam zu verstehen. Damals war sie fünf Jahre alt, heute ist sie neun.

Der Vater eines anderen missbrauchten Mädchens erzählt, wie seine Tochter nachts aus Alpträumen erwache. Schweißgebadet. „Man achtet jetzt mehr auf sein Kind“, sagt er, „man versucht es zu beschützen.“ Und ja, gibt er zu, man neige auch dazu, es zu kontrollieren.

Mit diesem Problem kämpft auch die Mutter eines weiteren Opfers. Es gebe ein tiefes Misstrauen anderen Vätern gegenüber, sagt sie. „Jetzt, wo sie langsam anfängt, eigene Wege zu gehen, stehe ich ihr im Weg.“ Doch vor allem leide sie unter dem Schweigen ihrer Tochter. „Mein Kind hat bis heute nicht mit mir darüber gesprochen“, weint die Mutter gestern Morgen vor Gericht. Zurzeit sei dem Mädchen nichts anzumerken. Aber wie lange das anhalte, das wisse niemand.

Von Ines Bräutigam

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