Leben mit Demenz: Eine Angehörige spricht über ihre Erfahrungen mit der Krankheit

Wenn die Persönlichkeit verblasst

+
Zurzeit leben in Deutschland 1,4 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz steigend. Das Demenzdorf, das derzeit in Bevensen angedacht wird, wäre eine Form sie zu betreuen.

Bad Bevensen/Landkreis. „Plötzlich trug sie dreckige Kleidung – und das bei unserer sauberen Mutter. . . “, sagt die 62-jährige Jutta Meyer (Name von der Redaktion geändert) aus dem Landkreis Uelzen und horcht für einen Moment still ihren Erinnerungen nach.

Etwa vor 22 Jahren bemerkten sie und ihre Geschwister, dass sich ihre Mutter verändert. Psychische Störungen wurden zuerst von Ärzten und Umfeld angenommen. Seit sechs Jahren weiß die Familie: Demenz lässt Persönlichkeit und Fähigkeiten der Mutter verblassen.

„Meine Mutter war immer eine sehr dominante Frau, sie hatte meinen Vater und ihre Kinder gut im Griff“, beschreibt Jutta Meyer. Kurz nach dem 60. Geburtstag ihrer Mutter begann deren Abbau: Aufgaben wie Geschirrspülen, Aufräumen oder Putzen wurden nicht mehr erledigt. Verschiedenste Betreuungsformen wurden ausprobiert – nichts passte. Ihre Mutter schloss sich im Haus ein, ging nackt auf die Straße, sperrte sich aus ihrem Haus aus, wurde aggressiv und ordinär, bestellte Unmengen Tiefkühlkost und verteilte Essen auf der Fensterbank und dem Sofa. „Wir waren vollkommen hilflos“, berichtet Jutta Meyer, die jede Minute ihrer Freizeit auf die Pflege der Mutter verwendet – fast 16 Jahre; bis zur Diagnose Demenz.

Seit mehreren Jahren lebt Jutta Meyers inzwischen 82-jährige Mutter in einer geschlossenen Abteilung eines Pflegeheims. Sie trägt einen Sender, der Alarm schlägt, sobald sie sich im Ausgangsbereich des Heims aufhält. Leicht gemacht hat sich die Familie die Entscheidung Pflegeheim nicht, dennoch wurden viele Vorwürfe aus dem Umfeld laut. Sie würden ihre Mutter „wegsperren“, hieß es von Bekannten. „Aber das ist kein Wegsperren. Es geht uns doch um ihre Sicherheit“, sagt Jutta Meyer. „Demenz ist eine Krankheit. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, machten wir uns die schlimmsten Sorgen, weil man einfach nie sicher sein konnte, ob ihr nicht etwas passiert. Sie hat Straßen überquert – aber ohne zu schauen, ob ein Auto kommt. Und sie war am Wasser unterwegs...“, beschreibt Jutta Meyer die Belastung der Erkrankten und die Auswirkungen der Demenz auf die Angehörigen.

Heute findet Jutta Meyers Mutter im Pflegeheim nicht mehr den Weg vom Flur in ihr Zimmer – zwei Meter sind zu weit. Ihr Gehirn erkennt die vertraute Tür nicht wieder. Markiert die Familie die Zimmertür, um der Kranken die Orientierung zu erleichtern, wird sie ärgerlich: Das Schild gehört da nicht hin. Überhaupt wird ihre Mutter oft ärgerlich – wahrnehmen kann Jutta Meyer diese negative Stimmung inzwischen nur noch anhand kleiner Signale oder dem Grundton ihrer „eigenen Sprache“, wie Jutta Meyer beschreibt. „Sie hat jetzt ihre eigene Sprache. Sie versucht mir etwas zu erzählen – aber ich verstehe sie nicht. Ich merke dann nur, dass sie gerade etwas ärgert. Und dann sage ich: ‘Ach Mutti, es ist alles nicht so leicht...’“, berichtet Jutta Meyer. Mit Vorlesen habe sie es versucht. „Aber das will sie nicht“, sagt Meyer. Ihre Mutter habe ihr das Buch aus den Händen geschlagen. Den einen Tag zählt Meyers Mutter flüssig und verständlich von eins bis zehn. An einem anderen Tag bietet sie das Inventar ihres Zimmers zum Verkauf an, packt nachts ihre Koffer oder fragt, wann der vor vielen Jahren verstorbene Vater sie besuchen würde. Ihre Mutter könne sich nicht mehr orientieren, Zusammenhänge nicht begreifen und ihre Wesenszüge hätte die Krankheit verändert.

„Das ist kein geschlossener, sondern ein behüteter Bereich in dem Pflegeheim – und den braucht meine Mutter auch“, sagt Meyer. Und als „behütet“ versteht sie auch das Leben im Demenzdorf – also dem Projekt, das derzeit für Bad Bevensen angeschoben aber auch kontrovers diskutiert wird. In Wohngemeinschaften würden Demenzerkrankte in einem abgesperrten und kontrollierten Bereich mit Unterstützung von Pflegekräften, ehrenamtlichen und Angehörigen leben – so die Idee, die Jutta Meyer begeistert. Damit das Projekt kein „Abschieben“ werde, seien aber vor allem die Gesunden in der Pflicht: „Wir Gesunden müssen in das Demenzdorf hineingehen und dort zum Beispiel einkaufen. Warum soll Inklusion da nicht andersherum funktionieren: Nicht die Kranken zu den Gesunden bringen, sondern ich als Gesunder gehe hinein.“

Von Wiebke Brütt

Kommentare