Bürgermeister Martin Feller: „So beugt man Hetze vor“

159 Sexuelle Übergriffe auf Mädchen – Stadt Bad Bevensen informiert Schulen über Prozess

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Der Angeklagte wendet den Medien und Zuschauern am ersten Prozesstag den Rücken zu.

Bad Bevensen/Lüneburg. Ein 47-jähriger Mann aus Deutsch Evern muss sich zurzeit vor dem Lüneburger Landgericht wegen Kindesmissbrauchs in 159 Fällen verantworten. Da der erwerbslose Mann inzwischen bei seinen Eltern in Bad Bevensen lebt, bewegt der Fall auch die Menschen in der Kurstadt.

In der jüngsten Sitzung des Stadtrats hatte eine Bevenser Bürgerin das Thema öffentlich angesprochen. Zuvor seien auch andere Einwohner auf die Stadt zugekommen und hätten auf den laufenden Gerichtsprozess sowie die Tatsache hingewiesen, dass sich der Angeklagte derzeit in Bad Bevensen aufhalte, berichtet Bürgermeister Martin Feller gestern auf AZ-Nachfrage. Man habe daraufhin entschieden, Kindergärten, Schulen und andere Institutionen, in denen mit Kindern gearbeitet wird, über das Thema zu informieren.

„Wir haben über die laufende Verhandlung und den Umstand, dass der Angeklagte jetzt in Bad Bevensen wohnt, informiert und das zum Anlass genommen, den Kindergärten und Schulen vorzuschlagen, ganz allgemein und unaufgeregt das Thema Missbrauch mit den Kindern zu behandeln“, so Feller. Dabei sei der aktuelle Prozess lediglich „ein Aufhänger“ gewesen, um den Pädagogen einen Impuls zu geben. „Wie und ob sie damit umgehen, bleibt allein ihnen überlassen“, sagt der Bürgermeister.

Von Panikmache könne dabei keine Rede sein. Im Gegenteil: „Wenn man darüber spricht und das Thema sensibel behandelt, genau dann beugt man Hetze vor“, ist Martin Feller überzeugt, und er betont: „Es geht niemals darum, einen einzelnen Menschen zu jagen.“ Da aber der Fall öffentlich geworden sei, in den Medien berichtet und in der Bevölkerung darüber gesprochen werde, sei es angebracht, damit umzugehen. Die Verhandlung gegen den Angeklagten wird morgen am Landgericht Lüneburg fortgesetzt.

Angeklagt des Kindesmissbrauchs

Der Mann, der mittlerweile bei seinen Eltern in Bad Bevensen lebt, soll im Zeitraum vom Juli 2012 bis Mai vergangenen Jahres auch seine damals neun bis zehn Jahre alte Tochter sowie acht ihrer Freundinnen und seine Nichte missbraucht haben. Die Mädchen waren im Alter zwischen vier und sieben Jahren.

Am ersten Verhandlungstag verdeckt der Angeklagte beim Betreten des Gerichtssaals sein Gesicht vor den Medienvertretern und vielen Zuschauern.

Die Anklage wirft dem Mann vor, die Kinder vor allem in seinem Haus in Deutsch Evern, aber auch im Freibad und in der Lüneburger Salztherme „SaLü“ nackt fotografiert und berührt zu haben. Er animierte die Kinder dazu, nackt zu posieren, was ihn laut Anklage „sexuell erregte“. Außerdem habe er die Mädchen aufgefordert, sich am Körper zu bemalen, und filmte sie dabei. Er duschte sie ab, um sie anschließend einzuölen und ihnen in den Intimbereich zu fassen, und in einer Toilette installierte er eine Kamera, um Aufnahmen von Mädchen zu machen. Auch nahm er Gipsabdrücke von Intimbereichen, um „Skulpturen“ daraus zu fertigen, wie es in der Anklage weiter heißt. Ein Psychiater hatte dem Mann nicht nur eine pädophile Störung attestiert, sondern es sei auch von einer „erheblichen Wiederholungsgefahr“ auszugehen, trug eine Rechtsanwältin der Nebenklage vor. Der Angeklagte habe außerdem keine Reue gezeigt. Stattdessen gab er dem Gutachter gegenüber „das Bedürfnis nach menschlicher Nähe“ und die „Kälte seiner Frau“ zu Protokoll. Der 47-Jährige ist inzwischen geschieden.

Am ersten Verhandlungstag herrscht bei den Eltern der mutmaßlichen Opfer Bestürzung über einen Vorschlag des Gerichts: Sollte der Angeklagte die ihm vorgeworfenen Taten gestehen, würden ihn eine Strafe zwischen 22 und 26 Monaten sowie eine Sexualtherapie und eine Geldauflage erwarten. Sollte die Strafe unter zwei Jahren bleiben, könnte sie zur Bewährung ausgesetzt werden. Während die Staatsanwaltschaft den Vorschlag befürwortet, wollen die Eltern der Opfer, dass der Mann im Gefängnis landet. Gesteht der Angeklagte nicht, müssten die Kinder im Prozess aussagen. Morgen, Freitag, 27. Mai, wird die Verhandlung gegen den 47-Jährigen fortgesetzt. Ein Landgerichtssprecher erklärt auf AZ-Nachfrage, dass der Angeklagte dann die Gelegenheit erhalten werde, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Von Ines Bräutigam

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