Ruhe überwiegt die Angst

Die Japanerin Fumie Fukui und ihre Freundin Renate Schaadt, Präsidentin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft mit zweitem Wohnsitz in Bad Bevensen, erinnern sich anlässlich der aktuellen Lage in Japan auch an die Katastrophe von Hiroshima. Foto: Ph. Schulze

Bad Bevensen/Hiroshima. Sie war gerade mal acht Jahre alt, ein Schulmädchen der zweiten Klasse, als ein amerikanisches Bomberflugzeug am 6. August 1945 über Hiroshima die Atombombe „Little Boy“ abwarf. Fumie Fukui war an diesem Morgen zufällig mit ihren Mitschülern in einem Tempel und erinnert sich genau: „Wir haben gehört, wie die Flugzeuge aus Westen kamen. Es gab einen Blitz, dann einen großen Knall“, schildert die heute 73-Jährige, „und dann wurde alles schwarz.“ Als das Tempeldach über ihr zusammenbrach, kroch die damals achtjährige Fumie zusammen mit den anderen Kindern unter niedrige Tische und harrte dort aus. Wie lange, das weiß sie heute nicht mehr. „Irgendwann sind wir dann losgerannt. Ohne Schuhe. Ich wollte nur zur Mutter.“

Fumie Fukui und ihre Familie haben die Hiroshima-Katastrophe überlebt, und in ihrem ganzen Leben ist die Japanerin bis heute nie ernsthaft krank gewesen. Was damals passiert ist, hat sie als kleines Kind gar nicht so recht verstanden, sagt sie. Bei den Bildern aber, die derzeit aus dem durch Erdbeben und Tsunami havarierten Atomkraftwerk in Fukushima um die Welt gehen, werden ihre Erinnerungen von damals wieder lebendig. Doch Angst, nein, Angst, die hat die Japanerin vor der radioaktiven Strahlung, die aus Fukushima droht, nicht. Und zwar nicht nur, weil sie im rund 1000 Kilometer entfernten Hiroshima lebt. „Damals, das war schlimmer“, sagt sie. „Heute haben vor allem die jungen Leute Angst.“ Fumie Fukui ist seit 40 Jahren befreundet mit Renate Schaadt, der Präsidentin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Hannover. Die beiden Frauen trafen sich jetzt in Bad Bevensen, wo Renate Schaadt und ihr Mann ihren zweiten Wohnsitz haben, und tauschten sich über die Ereignisse der vergangenen Wochen aus.

„Wir sind voller Sorge über die dramatische Lage in Japan“, sagt Renate Schaadt. Und viele Menschen teilen diese Sorge: In den letzten Tagen klingelte immer wieder ihr Telefon. Die Menschen riefen an, um Quartiere für Flüchtlinge anzubieten“, sagt Schaadt, die von dem Ausmaß der Hilfsbereitschaft überwältigt war. „Vor allem Quartiere für Waisenkinder oder Mütter mit Kindern wurden angeboten.“

Fumie Fukuis Tochter Kioko lebt in der Nähe von Tokio. Als dort am 11. März die Erde aus den Fugen geriet, erhielt Fumie Fukui einen Anruf ihres Kindes: Sie solle den Fernseher anschalten und die Nachrichten verfolgen, sich aber keine Sorgen machen – die Tochter war unversehrt geblieben. Vom Erdbeben hatte ihre Mutter in Hiroshima gar nichts mitbekommen.

Ob sie Angst um ihre Tochter hat? Nein, sagt die 73-Jährige ganz ruhig. Die Japaner haben gelernt mit der allgegenwärtigen Gefahr von Erdbeben zu leben. Und jetzt, da die Naturkatastrophen zugeschlagen haben, ertragen sie ihr Schicksal mit einer für Europäer so unfassbaren Stärke, Gefasstheit und Ruhe, dass es einem beinahe die Kehle zuschnürt. „Das ist Schicksal, man muss das annehmen“, glaubt Fumie Fukui.

Zur japanischen Mentalität gehört nicht lautes Klagen, sondern Disziplin. „Das hat auch mit Buddha zu tun“, erklärt Renate Schaadt. Basis der buddhistischen Praxis nämlich sind die Vier Edlen Wahrheiten, von denen eine die Erkenntnis ist, dass das Leben von Leiden geprägt und ein endloser Kreislauf ist. Leid und Unvollkommenheit in diesem Kreislauf überwindet man nur durch Einsicht.

Renate Schaadt und ihre Deutsch-Japanische Gesellschaft in Hannover haben einen Spendenaufruf gestartet, um vor allem Waisenkindern und alten Menschen in der von Erdbeben und Tsunami zerstörten Region zu helfen. „In wenigen Tagen sind schon 25 000 Euro zusammengekommen“, freut sich die Präsidentin, „aber es wird noch viel mehr gebraucht.“

Dass das Geld auch dort ankommt, wo es hin soll, dafür garantiert Renate Schaadt. Eigentlich wollte sie am 22. April nach Japan fliegen, hat die Reise aber wegen der aktuellen Lage vorerst abgesagt. Im Herbst soll es nun auf die Inselgruppe im Nordpazifik gehen. „Ich werde die Spenden dann persönlich an einen Shinto-Priester übergeben, den ich dort kenne“, sagt Renate Schaadt. Fumie Fukui wird dann ebenfalls wieder in Japan sein, in ihrer Heimatstadt Hiroshima. Und sie wird dort weiter leben wie bisher. Ohne Angst vor atomarer Strahlung und ohne Angst vor dem nächsten Erdbeben.

Von Ines Bräutigam

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