Der verborgene Fluss

Auf der nördlichsten Etappe des Ilmenauradwegs findet man sie erst ganz zum Schluss – die Ilmenau

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Endlich! Erst in Wichmannsburg lässt sich die Ilmenau blicken.

Bad Bevensen/Bienenbüttel. Schön warm ist es. Aber nicht zu heiß. Noch nicht. Dazu windstill. Und von Regenwolken am Himmel keine Spur. Beste Voraussetzungen also, sich auf den Fahrradsattel zu schwingen. Der Ilmenauradweg ruft.

Die Bitte um Infos – damit der Weg in Schuss bleibt.

Heute soll es der nördlichste Abschnitt dieser Touristenattraktion im Landkreis Uelzen sein: die Strecke von Bad Bevensen nach Bienenbüttel. Aus der Stadt hinaus geht es gen Bruchtorf. Über dem Radweg rauscht das Laub der Birken, der vierte Gang ist kein Problem – es gibt leichten Rückenwind. Karamellfarbene Kornfelder reihen sich vor dem Horizont auf, ein Treckerfahrer mit gelben Ohrenschützen grüßt fröhlich von seinem Vehikel. Der Ilmenauradweg im Norden bietet wunderschöne Aussichten und nette Begegnungen. Nur die Ilmenau, die sieht man nicht. Egal. Wird schon noch kommen. Jetzt erstmal die Augen aufhalten und die Hinweisschilder des Radwanderwegs an schlanken Eisenpfählen entdecken. Immer den Pfeilen nach gen Norden. Hindurch zwischen prallen Wiesen, auf denen gemütlich Galloways ihr Heu aus der Raufe ziehen, unter den Schatten der hohen Eichen hindurch, und dann tief Luft holen: Eine Wolke würziger Landluft weht von den Feldern herüber. Aber wo ist nur die Ilmenau?

Regina und Eberhard Heyer aus Halberstadt sind auf dem Weg von Bad Bevensen nach Bienenbüttel. Manchmal ist Fahrradfahren wie Fliegen, sagen sie.

In der Ferne rauschen Güterzüge unsichtbar durch die Landschaft. Über einem Weizenfeld kreist schreiend ein Greifvogel. Irgendwann vergisst man ganz, wo genau man ist. Da vorne links müsste irgendwo Jelmstorf sein. Und irgendwo rechter Hand vielleicht die Ilmenau... Jetzt bloß nicht den nächsten Radweg-Pfeil übersehen. Also rechts abbiegen und auf Sandwegen weiter. Vorbei am Wolfsgrund im Wochenendhausgebiet und frisch geschlagenen Kiefernstämmen. Im rechten Unterschenkel zwickt es jetzt. Ausgerechnet vor der Bahnüberführung. Egal. Runterschalten und hoch schnaufen. Absteigen und schieben ist nicht. Von der Brücke aus kann man schon bis Wichmannsburg sehen. Nur die Ilmenau ist nicht in Sicht.

Jede Menge Eindrücke nimmt der Radler auf der Erlebnisstrecke mit – von mampfenden Galloway-Rindern über kreisende Greifvögel bis hin zu dem Gefühl von Freiheit.

Bergab fährt das Rad wie von allein. In den Ohren tobt der Fahrtwind. Jetzt für einen Augenblick den Lenker loslassen, die Arme ausbreiten und – dieses Gefühl von frei sein genießen. In der Kindheit fiel einem das freihändig Fahren irgendwie leichter, findet Eberhard Heyer. Er und seine Frau Regina machen Urlaub in Bad Bevensen und radeln heute den Ilmenauradweg entlang. „Man war damals unbedarfter“, glaubt seine Gattin. Aber dafür spüren die beiden passionierten Fahrradfahrer die Aktivität an der frischen Luft viel intensiver. „Dieses schnelle Bergab-Fahren“, sagt sie, „das ist wie Fliegen.“ Eine Radlergruppe strampelt gut gelaunt vorbei. Man grüßt sich. Für Regina Heyer völlig selbstverständlich. „Natur verbindet“, sagt die 75-Jährige. Ob sie die Ilmenau schon gesehen haben? Nein, auch noch nicht. „Aber da hinten müsste sie doch sein...“

Immer den Pfeilen nach – der Weg ist gut ausgeschildert.

Rosemarie und Bernhard Werp haben sich auch auf die Suche nach dem Fluss gemacht. Im Moment stehen sie aber noch vor einer recht schmucklosen Bahnunterführung und studieren ihre Radkarte. Ja, die Richtung stimmt noch. „Wir haben Goldene Hochzeit“, verrät das Paar aus Münster, „und machen Urlaub in Bad Bevensen.“ Alles sei hier zauberhaft, schwärmen die beiden. Die Therme, die Unterkunft, alles. „Die Landschaft ist schön zum Radfahren und ein bisschen wie bei uns im Münsterland. Nur was hier viel besser ist: Es gibt nicht so viele Maisfelder“, hat Rosemarie Werp festgestellt. Ausblicke auf die Ilmenau allerdings auch nicht so richtig im Moment. Das Zwicken in der Wade hat aufgehört. Dafür brennt jetzt die Stirn. Vor dem Wäldchen recken Sonnenblumen die gelben Köpfe keck ihrem Himmelsplaneten entgegen, der inzwischen ziemlich hoch steht. Die Weihnachtsbaumplantage und das Keine-A-39-Schild an einer Scheune bleiben links liegen, im vierten Gang geht es mit Schwung in den Ort Wichmannsburg hinein. Da! Ein Rauschen. Es wird lauter. Nicht der Klang der Ilmenau, sondern der des silbrigen Laubs gewaltiger Erlen. Aber genau sie verkünden das Wasser. Und dann hinter der nächsten Kurve ist sie da, die Ilmenau. Ein gemächlich vor sich hin fließender Spiegel für den blauen Himmel und seine kleinen Wolken an diesem Tag.

In Wichmannsburg wartet ein Bootssteg auch auf die Radfahrer. Die Füße im kalten Wasser des Flusses abkühlen, dann Endspurt durch den Ort hindurch, an Einfamilienhäusern mit ordentlichen Vorgärten entlang nach Bienenbüttel. Bei einem Walnussbecher in der Eisdiele ist sofort klar: Nach ein paar Tagen Verschnaufpause wird ein weiterer Abschnitt des Ilmenauradwegs in Angriff genommen. Die Suche nach der Ilmenau geht weiter.

Von Ines Bräutigam

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