Psychiater legt Gutachten zu 47-jährigem Angeklagten aus Bad Bevensen vor

Missbrauchsprozess: Mann mit „pädophilen Anteilen“

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Zu Prozessbeginn verbarg der Angeklagte sein Gesicht vor der Öffentlichkeit – und tut es auch während der folgenden Verhandlungstage so gut wie möglich. Gestern trug der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten zu dem 47-jährigen Bad Bevenser vor.

Bad Bevensen/Lüneburg. „Je eher er sich all dem stellen kann, desto eher ist er in der Lage, sich ungefährlich zu machen. “ Klare Worte findet Dr. Jürgen Lotze gestern Nachmittag am Landgericht in Lüneburg, als er seine gutachterliche Einschätzung über den angeklagten 47-Jährigen abgibt, der sich wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten muss.

Der Mann hat die Taten, wie berichtet, eingeräumt. Und laut Psychiater und Psychotherapeut Lotze müsse der Bevenser sich „seiner pädophilen Anteile“ bewusst werden, „um kein Täter zu werden“.

Wie berichtet, hatte der Angeklagte den ihm vorgeworfenen Kindesmissbrauch gestanden – um den Opfern eine Aussage vor Gericht zu ersparen und möglicherweise mit einer Bewährungsstrafe davon zu kommen. In 159 Fällen von Juli 2012 bis Mai vergangenen Jahres hat er zehn Mädchen, darunter auch seine Tochter und seine Nichte, im Alter von vier bis zehn Jahren im Intimbereich berührt und eingecremt. Er ließ sie posieren und fotografierte sie nackt, fertigte Gipsabdrücke ihrer Intimbereiche an und installierte eine Kamera für Aufnahmen der Kinder auf der Toilette. „Er konnte erkennen, dass das verboten war“, lautet gestern Dr. Lotzes Einschätzung des Angeklagten, „und er war in der Lage, sich ausreichend zu steuern.“ Eine eingeschränkte Schuldfähigkeit sei also nicht erkennbar.

In Bad Bevensen aufgewachsen, habe sich der Mann als Kind und Jugendlicher häufig als Einzelgänger gefühlt und Probleme gehabt, Kontakt zu Mitschülern zu bekommen, so Lotze. Später hat er allerdings Beziehungen zu gleichaltrigen Frauen; mit seiner inzwischen geschiedenen Ehefrau hat der Mann zwei Kinder, dazu ein weiteres aus einer vorigen Beziehung. „Dennoch“, so der Gutachter, „muss von Pädophilie ausgegangen werden“.

Denn ein entscheidendes Moment sei die Tatsache, dass der 47-Jährige trotz der Zuneigung zu Gleichaltrigen empfänglich für kindliche Reize sei. „Das ist gar nicht so furchtbar selten“, erläutert Dr. Jürgen Lotze, „viele Männer sprechen auf solche Reize an – ohne ihnen allerdings nachzugeben.“ Der Angeklagte habe sein pädophiles Verhalten sehr wohl wahrgenommen, es aber als Erotik und nicht als Pädophilie empfunden. Überhaupt habe er die meisten Missbrauchsvorwürfe im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter zunächst bagatellisiert. Erst in seinem Geständnis vor Gericht hatte er betont, er habe verstanden, sich seinen Problemen stellen zu müssen.

Der Sachverständige wünsche dem 47-Jährigen „mehr Klarheit über sich selbst, dass er in bestimmten Situationen in pädophiles Verhalten ausweicht“. Denn die Übergriffe auf die Mädchen seien in eine Zeit gefallen, in der die Ehe des Angeklagten bereits bröckelte, die Schwiegermutter seine Position als erwerbsloser Hausmann herabwürdigte und sich verstärkt einmischte – und als die ersten Missbrauchsvorwürfe hochkochten. Die Kälte seiner Frau und das Bedürfnis nach menschlicher Nähe seien in dieser „desolaten Lage“ Motivation für die Taten gewesen, habe der Angeklagte gesagt. Und der Gutachter könne nicht ausschließen, dass sich diese in gewissen Ausnahmesituationen auch wiederholen könnten: „Das Risiko ist gegeben.“

Der Prozess wird fortgeführt.

Von Ines Bräutigam

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