Liefer-Engpässe von Arzneimittelherstellern: Apotheken geben Alternativ-Produkte aus

Medikamente sind Mangelware

Bad Bevensen/Ebstorf/Hannover. „Wir haben gerade 24 Dauerdefekte“, sagt Eva Heitmann-Leong und meint damit Medikamente, die teilweise seit Monaten nicht lieferbar sind. Ein Problem, mit dem die Inhaberin der Ebstorfer Rats-Apotheke nicht allein ist.

Bundesweit kämpfen Apotheker und Kunden mit den Lieferengpässen der Arzneimittelhersteller.

Mit leeren Händen verlassen trotzdem nur wenige Kunden die Apotheken. Die Pharmazeuten geben alternativ Medikamente anderer Hersteller aus, die nicht von dem Arzt verschrieben wurden. Denn Hersteller gibt es für die Medikamente meistens mehrere – einen so genannten „Rabattvertrag“ schließt eine Krankenkasse aber für ein Präparat nur mit maximal zwei Herstellern. Je nach Krankenkasse und deren Vertragspartnern stellt der Arzt also sein Rezept aus. „Über die meisten Mittel gibt es Rabattverträge – und nach denen müssen wir uns richten“, erklärt Jens Dittmann, Apotheker in der Bad Bevenser Ratsapotheke.

Hat die Apotheke das entsprechende Mittel nicht auf Lager – die Bevenser Ratsapotheke hat rund 6000 verschiedene Arzneien vorrätig – muss der Pharmazeut zunächst prüfen, ob das Medikament von dem Hersteller lieferbar ist. „In der Regel ist das Präparat dann schnell da. Wir werden mehrfach am Tag beliefert und haben auch einen Botendienst, der die Medikamente zu den Kunden nach Hause bringt“, berichtet Dittmann. Wenn kein Rabattartikel lieferbar ist, muss eines der drei günstigsten Ersatzmittel ausgegeben werden. „Man kann nicht sagen, dass es dauerhaft zu einer schlechten Versorgung kommt. Aber es ist für den Kunden, der an ein bestimmtes Präparat gewöhnt ist, natürlich eine Umstellung – zum Beispiel, weil die Packung oder die Tablette anders aussehen“, sagt Jens Dittmann.

Die Wirkstoffe der Ersatz-Medikamente müssen gleich sein, die Hilfsstoffe können jedoch abweichen – was laut Apothekenkammer wiederum zu Schwierigkeiten führen kann: „Vermeintliche Kleinigkeiten können zu Problemen führen, wenn der Apotheker nicht alles abfragt. Wenn ein Patient zum Beispiel eine Laktose-intoleranz hat, verträgt er kein Medikament, in dem Milchzucker als Hilfsmittel ist“, erklärt die Apothekenkammer Niedersachsen.

Das Spektrum der derzeit betroffenen Medikamente ist groß: Es deckt unterschiedlichste Wirkstoffgruppen wie Schilddrüsenhormone, Betablocker, Antidiabetika, Vitamin D, Antibiotika und Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Morphin-Ampullen ab, wie die Apothekenkammer Niedersachsen meldet. „Während in den vergangenen Jahren eher Krankenhausapotheken betroffen waren, ist das Problem jetzt im Alltag angekommen. Nicht nur seltene Arzneimittel sind häufig nicht lieferbar, auch Medikamente gegen Volkskrankheiten fehlen immer öfter“, betont eine Apothekenkammer-Sprecherin und bestätigt damit die Erfahrung, die Eva Heitmann-Leong täglich macht: „Das geht von Blutdruckmitteln über Vitamine, Hormone und Antidepressiva.“

Gründe für die Engpässe gibt es laut Apothekenkammer viele: Wenn neue Rabattverträge beginnen, kommt der neue Rabattpartner häufig nicht mit der stark gestiegenen Nachfrage zurecht. „Die Hersteller wissen oft nicht, worauf sie sich einlassen“, sagt eine Apothekenkammer-Sprecherin. So dauere es meist einige Wochen, bis die Produktion dem Bedarf angepasst ist. Zudem würden immer mehr Wirkstoffe außerhalb der EU hergestellt, was zu langen Transportwegen führe. Geringe Lagerkapazitäten, Just-in-time-Management und die Konzentration auf wenige Zulieferer und Produktionsstätten verschärften das Problem zusätzlich.

Von Wiebke Brütt

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