Ellen Henke hilft alkoholkranken Menschen einen Weg aus der Sucht zu finden

„Ich war selber ganz unten“

Für ihre unzähligen ehrenamtlichen Vorstandsposten wurde Ellen Henke bereits geehrt. Die Suchtberatung am Telefon und im Gesprächskreis für Alkoholkranke aber stünde vorne an – „weil es mein Leben verändert hat“, sagt die ehemalige Trinkerin. Foto: Ph. Schulze

Uelzen. „Mein Vater trank Wermut. Der war billig und überall zu bekommen. Mit acht Jahren habe ich das Zeug probiert. Es schmeckte bitter.

Aber das Gefühl, was folgte, war toll“, erinnert sich Ellen Henke an den Beginn ihrer Alkoholsucht – einer lebenslangen Krankheit, wie sie sagt. Lange war die Wittingerin abhängig, bis sie sich entschied, Hilfe zu suchen.

Heute, 40 Jahre später, arbeitet Ellen Henke selbst in der Suchtberatung und unterstützt Alkoholiker bei ihrem Weg heraus aus dem Teufelskreis. Wegen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten wurde sie nun für „Mensch 2011“, eine Aktion der Allgemeinen Zeitung und der Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg, in der Kategorie Ehrenamt nominiert. Den Entschluss, ihr Leben zu ändern, fasste Ellen Henke mit 31 Jahren. „Ich brauchte damals schon morgens meinen Flachmann. Etwa zu der Zeit habe ich festgestellt, dass ich ohne Alkohol nicht leben kann.“ Nachdem sie eine stationäre Entziehungskur zwar bewilligt bekam, sich die Wartezeit jedoch auf ein halbes Jahr belief, wurde sie bei einem privaten Helfer einquartiert. Medikamente zur Unterdrückung der körperlichen Entzugserscheinungen, vor allem aber die Treffen der „Guttempler“, einer Abstinenzorganisation, halfen der Wittingerin über die schwere Zeit hinweg. Nach dem Klinikaufenthalt zog die gelernte Verwaltungsfachangestellte nach Uelzen und wurde festes Mitglied der Organisation – erst als Gruppenteilnehmerin, später als Schatzmeisterin und Verwaltungsvorstand. Vor 37 Jahren dann rief sie einen zusätzlichen Gesprächskreis für Betroffene ins Leben, den sie bis heute einmal die Woche ehrenamtlich leitet. „Selbsthilfegruppen sind meiner Ansicht nach die effektivste Möglichkeit, um trocken zu bleiben“, betont die 71-Jährige. Wichtig sei natürlich die Bereitschaft, über die Probleme zu reden, fährt sie fort. Wenn jemand zu ihr komme, am Ende sei und um Hilfe bitte, dann laute die erste Frage: Was kannst du dir vorstellen, gegen deine Sucht zu tun? Die Zeiten allerdings, in denen sie wildfremde Menschen mitten in der Nacht irgendwo auflese, seien vorbei. Früher sei es durchaus vorgekommen, dass sie diese bei einer Telefonzelle gefunden und in eine Klinik gebracht habe, nachdem sie bei ihr angerufen hatten. „Heute sage ich: Ruf mich morgen früh an und wenn du dann immer noch willst, finden wir zusammen eine Lösung“, erklärt die Rentnerin. Sie sei nicht mehr so missionarisch, wie einst. „Früher wollte ich ganze Straßen trocken legen, das ist vorbei“, lacht sie und berichtet, es gäbe keine hoffnungslosen Fälle – aber sie habe auch schon viele Menschen am Alkohol sterben sehen. „Es kommen längst nicht alle wieder. Und viele werden rückfällig“, weiß Ellen Henke. Aber sie könne das alles verstehen. Als sie selber ganz unten war und „gesoffen“ habe, sei sie ihren Geschwistern peinlich gewesen. Heute verstünde sie das.

Wieder mit dem Trinken anzufangen stehe für die 71-Jährige ausser Frage. „Das ist vorbei. Trocken zu sein ist die einzig lebenswerte Lebensform, die ich mir vorstellen kann“, betont sie entschieden. Dennoch: ihre Krankheit wolle sie nicht missen, stellt sie klar und ergänzt: „Ich habe heute eine andere Sichtweise auf das Leben. Und ich bin tolerant. Vor allem Menschen gegenüber, die Fehler machen.“ Ohne diese Erfahrungen wäre sie ein anderer Mensch. Einen Ersatz für den Rausch fände sie vor allem in dem Versuch, Anderen zu helfen. Und darin, von Freunden gemocht zu werden. „Denn ohne Freunde könnte ich nicht leben“, lächelt Ellen Henke.

Von Lea Bernsmann

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