Richter gehen davon aus, dass 47-Jähriger aus Bad Bevensen nach Therapie keine Gefahr mehr ist

Gute Prognose für Kinderschänder

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Der Mann kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Lüneburg. Im Internet wäre die Entscheidung anders ausgefallen. Wut und Unverständnis dominieren die Kommentare zum Urteil über einen 47-jährigen Kinderschänder aus Bad Bevensen, der am Freitag vor dem Landgericht Lüneburg mit zwei Jahren Haft auf Bewährung davon kam.

Der Mann hat die Auflage, eine Sexual- und Psychotherapie aufzunehmen, und darf mit Kindern keinen Kontakt aufnehmen. „Es ist doch wirklich widerlich, dass dieser Mann einfach so davon kommt“, schreibt eine Frau zum AZ-Bericht auf Facebook. „Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“ Andere Nutzer halten sich weniger zurück, die Richter werden scharf kritisiert und drastische Strafen verlangt.

Landgerichtssprecher Dr. Stefan Stodolkowitz verweist darauf, dass der Mann, der seine Nichte und acht weitere Mädchen nackt fotografierte, im Intimbereich eincremte und Gipsabdrücke von Po und Schambereich nahm, eine gute Prognose attestiert bekommen hat: „Bei diesem Angeklagten ist die Kammer davon ausgegangen, dass er mit der Therapie auf den rechten Weg kommen kann“, erklärt der Jurist. Richter Nico Ottmüller hatte dem Angeklagten zugute gehalten, dass er nicht vorbestraft ist und sich frühzeitig um eine Sexualtherapie bemüht hat.

Auch wenn es schwer erträglich sei, so Stodolkowitz: Im Zentrum der Rechtsprechung stehe nicht die Strafe. „Der Hauptgesichtspunkt in unserem Strafrecht ist der Schuldausgleich, um den Angeklagten wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, betont der Gerichtssprecher. Dabei sei die Prognose für die Zukunft entscheidend. Die Richter gehen davon aus, dass der 47-Jährige derartige Taten nicht mehr begehen wird.

Zu einem Verkehr mit den Kindern ist es offenbar nicht gekommen. Von den vorgeworfenen 159 Missbrauchsfällen blieben am Ende des Verfahrens 28, davon zwei verbunden mit Körperverletzung. Staatsanwältin und Nebenklage-Vertreter hatten eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten gefordert.

In der Kritik steht auch ein Deal vor Gericht: Der Angeklagte legte ein Geständnis ab. Dafür wurde ihm vorab eine Freiheitsstrafe zwischen 22 und 26 Monaten zugesichert, die, wie dann gesschehen, unter zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden sollte.

Solche Absprachen sind immer noch umstritten, seit 2009 aber in Paragraf 257c Strafprozessordnung geregelt. Sinn der Verständigung im Strafverfahren ist es, die Prozessdauer zu verkürzen und dadurch die Gerichte zu entlasten. Zudem kann die Absprache Angeklagte motivieren, ein Geständnis abzulegen. Dadurch sei den Kindern eine Aussage vor Gericht erspart worden, wie Richter Ottmüller betonte.

Landgerichtssprecher Stodolkowitz weist darauf hin, dass gemäß Strafprozessordnung die Verständigung in der öffentlichen Verhandlung erfolgt und der „Deal“ protokolliert werden muss. „Der Prozess ist kein Basar“, so Stodolkowitz. „Es muss immer mit anderen Beweismitteln überprüft werden, ob das Geständnis der Wahrheit entspricht.“

Von Gerhard Sternitzke

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