Vortrag an der Klinik Lüneburger Heide in Bevensen: Expertin kritisiert „Germany‘s Next Top Model“

GNTM: „Eine Handlungsanleitung zum Krankwerden“

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Der Patientenchor der Klinik Lüneburg Heide brachte so manchen Zuhörer mit den Liedzeilen „Ich bin jetzt, ich bin hier, hab‘ mein Gleichgewicht verloren und kann trotzdem gerade stehen“ zum Schlucken.

Bad Bevensen. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens hatte die Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen, ein Kompetenzzentrum für die Behandlung von Ess-Störungen und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom), zu einem Festakt geladen.

Nach Begrüßung und Rückblick durch Chefarzt Dr. Andreas Leiteritz und seine Ehefrau, der leitenden Oberärztin Wally Wünsch-Leiteritz, ging es auf fesselnde Weise in einem Vortrag um das Thema „Die Bedeutung von Fernsehsendungen wie ,Germany‘s Next Topmodel‘ (GNTM) bei der Entwicklung von Ess-Störungen“.

Dr. Maya Götz untersuchte den Einfluss von Sendungen wie „Germany‘s Next Top Model“ auf Ess-Störungen.

„Das Grundprinzip der Sendung ist sozusagen die Handlungsanleitung zum Krankwerden“, sagte Dr. Maya Götz über GNTM. Götz hat in einer Studie die Rolle von Fernsehsendungen im Kontext von Ess-Störungen untersucht. Sie befragte seitens des Internationen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen in Kooperation mit dem Bundesfachverband für Ess-Störungen 241 betroffene Menschen nach der Rolle von Fernsehsendungen bei der Entwicklung ihrer Krankheit. Das Ergebnis: Insbesondere Heidi Klums Sendung, die das Aussehen und den Körper in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt, gebe ein Schönheitsideal vor, das für die Mädchen zum Maßstab werde, sagte Götz. Aber GNTM setze unerreichbare Normen bei den Kandidatinnen, verlange bedingungslose Anpassung und Verdrängung der eigentlichen Gefühle, kritisierte Götz.

Zur Geschichte: Die Klinik Lüneburger Heide wurde am 17. Mai 2006 mit 80 Behandlungsplätzen eröffnet. „Es hat sich ergeben, dass es eine enge Verzahnung zwischen Ess-Störung – dem größten Bereich hier – und ADHS in Diagnostik und Behandlung gibt. Beide sind flankiert von Begleiterkrankungen aus dem gesamten Gebiet der psychotherapeutischen Medizin“, erklärte Wally Wünsch-Leiteritz. Dabei sei die Klinik auf Essplan-gestärkte Ernährung ganz ohne Magensonde spezialisiert.

Insbesondere bei schweren Ess-Störungen habe man sich einen Namen gemacht. Magersüchtige, auch unter 18-Jährige, machten zwei Drittel der Patienten aus. Der Bereich ADHS, Adipositas und ,Binge Eating‘, also wiederholte Ess-Attacken, befruchte sich gegenseitig. „Zunehmend haben wir auch mit Patienten, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, zu tun“, berichtete Dr. Leiteritz.

Es gab auch stimmungsvollen Gesang vom Patientenchor. „Ich bin jetzt, ich bin hier, hab‘ mein Gleichgewicht verloren und kann trotzdem gerade stehen“, hieß es da in einem Song, der die Zuhörer schlucken ließ. Patientin Vivien folgte mit einem bewegenden selbst geschriebenen Gedicht über die schmerzlichen Wechselwirkungen „zwischen Bauch und Kopf“.

Von Ute Bautsch-Ludolfs

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