In alter Frische tritt Karl Dall im Zelt im Park in Bad Bevensen auf / Die AZ verlost heute Karten

„Genauso ungehobelt wie früher“

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Karl Dall

npr Bad Bevensen. Karl Dall wird am 30. Mai in Bad Bevensen beweisen, dass ihm auf der Bühne in puncto „Improvisation“ keiner so schnell das Wasser reichen kann. Die AZ hatte schon vor seinem Auftritt Gelegenheit, mit dem Kult-Komiker zu sprechen.

Im Kurort ist er vor 30 Jahren schon einmal aufgetreten – mit nachhaltigem Eindruck.

Was hat Ihnen damals an Bad Bevensen gefallen? 

Ach, das war die Ruhe, und dass ich da vielleicht selbst mal meinen Lebensabend verbringe. Aber so ist es nur der 30. Mai und da kam es in so einem Lied: Am 30. Mai ist der Weltuntergang. Und da bin ich ja genau richtig.

Sie nehmen sich als Weltuntergang wahr? 

Nein, nein. Das war so, das war damals im Kurzentrum. Damals war Bad Bevensen noch ein Binnenbad. Und jetzt nach den ganzen Sturmfluten, liegt’s ja wohl direkt an der Nordsee, ne? Nachdem das alles weggespült ist? Nein, nein, kleiner Scherz beiseite.

Haben sie auch so’n Wasser, so’n Salzwasser, oder was, wo man dran nippelt? Irgend eine Quelle müssen sie ja doch haben. Anscheinend haben sie den Leuten da etwas reingetan. Also, ich hab noch nie so unaggressive alte Menschen kennengelernt wie damals in Bad Bevensen.

Wird Ihr Auftritt Ende Mai dann wie ein Spaziergang auf der Bühne sein? 

Ich glaube, wenn ich 100 Meter in zwei Stunden laufe, bin ich immer noch der Schnellste. Und wollen wir jetzt keine Altenwitze machen, ich bin selbst 74. Ich hasse das. Früher habe ich Witze gemacht über alte Leute und Behinderte – mache ich heute nicht mehr.

Wie unterscheiden sich Ihre heutigen Live-Auftritte zu damals? 

Meine Witze sind noch genauso hart oder ungehobelt wie früher. Ich selbst habe mich auch nicht verändert, zumindest nicht auf der Bühne. Also, die Leute kriegen schon einiges um die Ohren gehauen – den Spiegel vorgehalten, sagen wir mal. Das ist auch meine Lebensaufgabe, dass ich die Leute immer wieder aufrütteln muss.

Sie werden als „Altmeister des gehobenen Nonsens“ angekündigt. Wie empfinden Sie diesen Titel?

Großartig. Ich selbst habe ihn mir nicht gegeben.

Wissen Sie, es gibt keine flache Unterhaltung, die gehoben ist. Nonsens ist ja schon etwas Spezifisches. Kabarettist ist ja was anderes, der ist ja politisch engagiert. Ich denke mal, dass ich mit dem Stückchen, mit meinem Leben – das sind fast 50 Jahre – die Leute ein bisschen zum Schmunzeln und zum Lachen gebracht habe. Aber verändert habe ich nichts.

Wie unterscheidet sich Ihre Zielgruppe zu der eines Comedians, der zum Beispiel Mitte dreißig ist? 

Wissen Sie, die wenigsten kenne ich. Bei mir wird die Zeit knapp. Ich kann mir das nicht mehr alles angucken. Ich kann mir manchmal Gesichter merken, aber keine Namen mehr. Das geht mir bei Schauspielern genauso.

Früher kannte man jeden Star, der im Kino war oder auch noch im Fernsehen. Wir gucken manchmal – hier aus eurer Gegend – „Rote Rosen“. Und ich kenne auch einen Großteil der Schauspieler, die kenne ich auch beim Namen, die wohnen hier auch in Hamburg, um die Ecke. Aber... (Pause) …ich kann mir die Namen nicht mehr merken. Das sind Gesichter, großartige Schauspieler, die ihren Job sehr gut abliefern. Und die können sich alle keinen Namen mehr machen.

Meine Filme waren weitaus schlechter als „Rote Rosen“ – trotzdem bringen die Leute mich mit meinem Kopf und mit meinem Namen zusammen, weil ich noch aus der Oldiekiste komme.

Was erwartet Ihr Publikum am 30. Mai? 

Ich habe vermeintlich viele Improvisationsinseln auf der Bühne: Ich zeige erstmal die peinlichsten Sachen aus meinem Leben. Kinofilm-Ausschnitte. Demnach müsste der Abend drei Wochen dauern. Dann telefoniere ich mit den Verwandten in der Ostzone. Die Leute können ihre Telefonnummern auf die Bühne legen. Das hat den Vorteil, dass alle das mitbekommen, weil das laut übertragen wird. Dann habe ich zum Beispiel eine Ecke – das sind zehn Seemanns- oder Heimatlieder –, wo die Leute sich auf Zuruf ein Lied wünschen können. Dann werden sie damit belohnt, dass ich dieses Lied singe, vortrage. Also, ich werde auch sehr – sagen wir mal – von der Improvisation gefordert.

Ist das Improvisationstalent eine Ihrer besonderen Charaktereigenschaften?

Na ja, ich habe mal selbst erkannt, nach den vielen Jahren, dass alles, was ich akribisch einstudiere und probe, gar nicht wahnsinnig zündet, sondern, dass meine spontanen Reaktionen viel besser ankommen. Da braucht man aber jahrelang, um selbst dahinterzukommen.

Gibt es eine Eigenschaft, von der Sie sich persönlich trennen würden wollen? 

Eigentlich nicht. Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch die anderen Menschen nicht. Ich finde mich großartig.

Wenn Sie im Zelt im Park auftreten, haben Sie ein überschaubares Publikum vor sich. Was ist die große Herausforderung, wenn Sie vor einem kleinen Publikum auftreten?

Moment mal, das ist doch kein Campingzelt! Ich denke mal, dass ist so ein Ding, wo 300, 400 Leute noch reinpassen. Also, meine Säle liegen im Augenblick so zwischen 250 und maximal 500 Zuschauern. Da hat man die Leute am besten im Griff. Vielleicht ziehe ich auch gar nicht mehr in Bad Bevensen, als dass so viele Leute kommen.

Es ist einfach so: Aufzutreten ist für mich auch so ein bisschen Alterstherapie. Bevor ich mir jeden Abend den Krempel im Fernsehen angucke, was die da senden, gehe ich lieber raus und produziere meinen eigenen Mist.

Haben Sie sich eigentlich schon mal auf der Bühne gelangweilt? 

Nein! Also, langweilen tue ich mich nicht. Es gibt natürlich manchmal Zombies, die da unten sitzen. Aber das kriegen die natürlich auch gleich zu hören. Ich nehme da auch kein Blatt vor den Mund. Ich kritisiere lieber das Publikum, als dass ich mich vom Publikum kritisieren lasse. Ich mache mir jeden Abend in einem Oktavheftchen Notizen, und sage: Da gehst du nie wieder hin oder du wartest noch einmal 20 Jahre, bis sich das Publikum regeneriert hat. Bad Bevensen stand jetzt 30 Jahre auf dem Index, und jetzt habe ich das Embargo aufgehoben und bin wieder da.

Wann wollen Sie eigentlich damit aufhören, auf der Bühne zu stehen? 

Mein Job ist mein Hobby. Ich unterhalte gern Leute.

Gott sei Dank bin ich in der Situation, dass ich das selbst lenken kann. Die Natur schaltet das schon von alleine aus. Wenn man die Bühne nicht mehr findet oder nicht mehr weiß, was man sagen soll, das kann natürlich auch kommen.

‘Ne große Zukunft haben wir nicht mehr, deshalb leben wir den Moment.

Von Nina Prasse

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