Fantastische und stressige Chefs

Angehende Hotel-und Gastronomiefachkräfte aus Italien und Deutschland: Andrea Luongo, Tanja Stielow, Melanie Bense und Deborah Bianchi (von links) schnuppern im gegenseitigen Austausch Auslandserfahrungen.

Bad Bevensen/Lüneburg - Von Ines Bräutigam. Das Kompliment kommt ihr leicht und entwaffnend ehrlich über die Lippen: „Die Cheffe hier iste fantastic“, schwärmt Deborah Bianchi, „alles iste sehr gut organisiert.“ In ihrer Heimat Italien, fügt sie mit ihrem hinreißenden Akzent lachend an, „die Cheffe iste stressig“.

Die 18-jährige Italienerin macht keinen Hehl daraus, dass sie sich im Gästehaus der Fürst-Donnersmarck-Stiftung in Bad Bevensen pudelwohl fühlt. Dort absolviert die Schülerin einer Hotelfachschule in Montecatini Terme in der Toskana – ebenso wie ihr gleichaltriger Landsmann Andrea Luongo im Hotel „Kieferneck“ – ein vierwöchiges Auslandspraktikum. Das deutsch-italienische Austauschprogramm für gastronomische Ausbildungsberufe „Leonardo da Vinci“ macht‘s möglich.

Bereits im Juni waren acht Schüler der Lüneburger Berufsbildenden Schulen III (Abteilung Hotellerie, Gastronomie & Lebensmitteltechnik) in Italien, ebenfalls als Praktikanten. Eine von ihnen ist Melanie Bense, Auszubildende bei der Donnersmarck-Stiftung, und sie kann Deborah nur beipflichten: „In der italienischen Gastronomie wird alles nicht so genau genommen. Da werden keine Gläser oder Bestecke poliert“, schmunzelt sie, „das kommt alles so auf den Tisch.“ Viel intensiver allerdings ist der Kontakt zum Gast. „Vieles wird direkt am Tisch zubereitet, das finde ich sehr schön“, sagt die 21-Jährige.

Die italienische Leichtigkeit einerseits und die deutsche Genauigkeit andererseits bieten nicht nur den jungen Leuten aus beiden Ländern Erfahrungen in fremden Arbeitswelten. Auch die Betriebe profitieren davon, dass die Auszubildenden über den Tellerrand blicken, sind sich Susanne Schiering, Fürst-Donnersmarck-Stiftung, und Alexander von Keller-Szepesi vom Hotel „Kieferneck“ einig. Kerstin Hagemann, Mitverantwortliche für den Austausch der Lüneburger BBS III, weiß allerdings ein leidvolles Lied davon zu singen, dass das nicht alle Ausbildungsbetriebe so sehen: „60 unserer Schüler wären im Juni gern nach Italien gegangen, aber nur 15 Betriebe haben ihre Erlaubnis für das Praktikum gegeben“, bedauert sie.

Dabei sammeln die Auszubildenden Eindrücke, die sie in ihrem weiteren Werdegang zweifelsohne prägen. Für Tanja Stielow, angehende Hotelfachfrau im „Kieferneck“, steht fest: „Ich würde es sofort wieder machen!“ Das Arbeiten in Italien sei familiärer, entspannter, nicht so genau wie in Deutschland. Eine Erfahrung, die hängen bleibt und motiviert, deren positive Seiten hier und da in den deutschen Arbeitsalltag mitzunehmen.

Andrea Luongo jedenfalls nimmt auch etwas von seinem Deutschlandaufenthalt mit. Nämlich dass es ihm viel besser gefällt, praktisch zu arbeiten als zu viel Theorie zu pauken. Die Ausbildungssysteme nämlich sind unterschiedlich: Während in Deutschland bei der dreijährigen Ausbildung der Hotel- und Gastronomiekräfte die Praxis vorherrscht, liegt in der fünfjährigen Ausbildung in Italien der Schwerpunkt im Schulischen.

Tanja Stielow und Melanie Bense können sich sehr gut vorstellen, noch einmal ein Auslandspraktikum zu absolvieren. Gern auch wieder in Italien. – Und das liegt nicht nur an den italienischen Schuhen, die vor allem für Tanja einfach unwiderstehlich sind…

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