Nach dem Schmidt-Eklat: Felix Zwayer handelt genauso, wie es das Regelwerk vorsieht / Sind die Referees zu großzügig?

Vielleicht wäre Abbruch besser gewesen

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Nach wiederholten Ausfällen von Bayer-04-Coach Roger Schmidt (Vierter von links) unterbricht FIFA-Referee Felix Zwayer (rechts) das Spiel und geht in die Kabine. Die Begegnung in Leverkusen steht unmittelbar vor dem Abbruch.

Leverkusen. Stellen wir uns folgende Szene in einem deutschen Gerichtssaal vor: Zuschauer, Zeugen, Angeklagte, Anwälte oder andere Personen pöbeln gegen das Gericht. Zunächst kommt das aufgrund des Respekts vor den Richtern nicht so oft vor.

Und wenn es passiert, dann nur einmal, weil die entsprechenden Personen sehr schnell den Saal zu verlassen hätten.

Lutz Wagner

Gehen wir also nach Leverkusen, zur 0:1-Heimniederlage von Bayer 04 gegen Borussia Dortmund, wo am Sonntag insbesondere die Offiziellen der Werkself auf bedrückende Weise offenbaren, welche Defizite die Sportart Fußball hat. DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner brachte diese Mängel im Gespräch mit der AZ auf den Punkt. Die Basis für Fairplay ist für Wagner der gegenseitige Respekt. „Respekt“? Der geht Bayer-Coach Roger Schmidt, aber auch Sportdirektor Rudi Völler völlig ab – deren Interviews nach dem Spiel sind entlarvend genug. In Leverkusen wird der Fußball zur Nebensache.

Bereits in den ersten 45 Minuten bis zu seinem Ausfall in der 64. Minute fällt Roger Schmidt durch aggressives Verhalten an der Seitenlinie aus, muss ein ums andere Mal vom Vierten Offiziellen und auch bereits von FIFA-Referee Felix Zwayer (SC Charlottenburg) zu fairem Verhalten aufgefordert werden. Auch im weiteren Verlauf der Partie agiert das Schiedsrichter-Team exakt so, wie es das Regelwerk – und hier insbesondere die Regel 5 (Der Schiedsrichter) – vorsieht.

In der 64. Minute erzielt Pierre-Emerick Aubameyang das Siegtor für den BVB. Zuvor hatte Leverkusens Stefan Kießling Dortmunds Sven Bender in der Hälfte der Schwarz-Gelben gefoult. Matthias Ginter führt den Freistoß gut fünf Meter vom Tatort entfernt aus – und von dort läuft der schnelle Angriff, der letztendlich zu Aubameyangs Treffer führt. Gerade bei Freistößen im Mittelfeld oder in der eigenen Hälfte soll der Unparteiische bei der Festlegung des Tatorts großzügig sein, damit es zu raschen Spielfortsetzungen kommt. Der 35-jährige Referee aus Berlin handelt daher im Sinne des Fußballsports, als er weiterlaufen lässt.

Kapitän Kießling ist verantwortlich

Der schon ermahnte Trainer Schmidt reklamiert nun auf unsportliche Art und Weise, dass er zwangsläufig auf die Tribüne verwiesen werden muss. Als Schmidt die Aufforderung des Referees absichtsvoll und bewusst ignoriert, wendet sich Zwayer völlig korrekt an den Mannschaftskapitän Stefan Kießling. Der Käpt’n ist verantwortlich für das Verhalten seines Teams und Ansprechpartner des Unparteiischen. Das ist seine Rolle und nichts weiter. Irgendwelche Sonderrechte genießt er nicht.

Schmidt weigert sich nun immer noch, den Anweisungen des neutralen Schiedsrichters und des eigenen Spielführers nachzukommen. Jetzt steht die Partie unmittelbar vor dem Abbruch, wie Felix Zwayer unmissverständlich deutlich macht. Der Unparteiische unterbricht die Begegnung, bis feststeht, dass seinen Anordnungen Folge geleistet wird.

Dieses Vorgehen in mehreren Stufen, Ermahnung, Verweis vom Sportgelände, der Weg über den Mannschaftskapitän, Androhung des Spielabbruchs, ist genau jener Weg, den das Regelwerk für solche Grenzsituationen vorsieht. Es wäre taktisch unklug, sich an der Seitenlinie auf die Debatte mit einem ohnehin uneinsichtigen Offiziellen einzulassen.

Unparteiischer stellt sich den Medien

In diesem Kontext ein Lob für den Referee: Es ist richtig, dass Zwayer nach dem Schlusspfiff seine Entscheidungen in verschiedenen Interviews deutlich begründet und auch einen Wahrnehmungsfehler (absichtliches Handspiel) zugibt, welches jene, die am lautesten kritisieren, erst in der Zeitlupe ausmachen. Nun kommt es auf den DFB an, der im Sinne des Respekts und Fairplays ein deutliches Zeichen setzen muss: Alles andere als eine mehrwöchige Sperre für Roger Schmidt wäre lächerlich. Vielleicht hat die Spielinstanz endlich einmal den Mut dazu. Aber auch die Schiedsrichter sollten sich fragen, ob ihre eher großzügige Linie bei Unsportlichkeiten dem Fußball überhaupt hilft: Jeder, der protestiert, muss verwarnt und im Wiederholungsfall vom Platz gestellt werden, heißt es unmissverständlich im Regelwerk. Aus guten Gründen.

Der Blick zu vielen anderen Sportarten, oder in den eingangs beschriebenen Gerichtssaal, könnte für den Fußballsport beispielgebend sein. Vielleicht hätte Felix Zwayer das Spiel einfach mal abbrechen sollen. Vielleicht kommt dann der Respekt, wie Lehrwart Lutz Wagner sagt, irgendwann auch von innen.

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