Uelzen/Hamburg. Es gibt Spiele, die bleiben immer „Klassiker“ – egal, wo beide Mannschaften gerade stehen. Hamburger SV gegen Bayern München ist so eines. Und den 57 000 Zuschauern in der restlos ausverkauften Imtech-Arena, darunter zahlreiche AZ-Sport-Leser, wurde am Samstagabend bei spannenden 90 Minuten trotz der sibirischen Temperaturen bestimmt nicht kalt.

Hamburgs Westermann köpfte die Kugel nach einem Eckball in der 14. Minute ins eigene Tor, doch den Bayern, hier Arjen Robben, gefror der Torjubel auf den Lippen: Schiedsrichter Knut Kircher gab den Treffer nicht. Foto: dpa
Dazu ist viel zu viel los auf dem Platz. Zum Beispiel in der 14. Minute: Eckstoß für den Rekordmeister aus München. Kroos schlägt die Ecke rein, Hamburgs Westermann geht hoch zum Ball und köpft die Kugel ins eigene Tor – und die genauso zahlreichen wie lautstarken Bayern-Fans in der bitterkalten Hamburger „Eis-Arena“ jubeln über die vermeintliche 1:0-Führung. Doch die Freude währt nur kurz. Ein Pfiff von FIFA-Schiedsrichter Knut Kircher fährt dazwischen. Es gibt Freistoß für den HSV, großartig protestiert wird nicht. Es muss also etwas gewesen sein.
Doch was? Im Stadion gucken sich viele im Publikum fragend an – besonders die, die weiter weg sitzen: Was hat Knut Kircher, der 43-jährige Maschinenbau-Ingenieur aus Rottenburg in Baden-Württemberg, da wohl gesehen? Liegt er richtig?
Zwei Vermutungen machen die Runde: „Fehlentscheidung“ oder „verstecktes Foul“. Die zweite trifft zu und belegt, warum Kircher seit zehn Jahren nicht nur in der Bundesliga zu den besten Unparteiischen gehört, sondern auch seit acht Jahren international eingesetzt wird und regelmäßig Europapokal- und Länderspiele leitet.
Sehr gut, dass Knut Kircher dem Sünder, Mario Gomez, noch ein paar mahnende Worte mit auf den Weg gibt. Zum einen, um auf dem Platz ganz klar die Grenzen aufzuzeigen – denn man könnte durchaus sogar über eine Verwarnung für Gomez nachdenken. Aber zum anderen auch, um allen anderen Beteiligten – den Spielern, Trainern, Betreuern und vor allem den Zuschauern – deutlich zu machen, dass Gomez hier ein Foulspiel begangen hat, dass also etwas gewesen ist und die Schiedsrichter-Entscheidung richtig war. Denn eine Zeitlupe hat ja niemand im Stadion. Insofern entschärft Kircher mit seiner ganzen Erfahrung von mittlerweile mehr als 170 Bundesliga-Spielen und seinem ausgezeichneten wie wirkungsvollen Auftreten die ganze Situation; denn als Bayern-Spieler und -Fan könnte man ja nun schon ein bisschen beleidigt sein und entsprechend reagieren.
Kircher gehört zudem seit Jahren zu den Referees, die ihre Entscheidungen nach dem Spiel sachlich, fachlich und offen, auch vor der Kamera, erläutern. Auch das schafft in der Fußball-Szene Akzeptanz. Übrigens, damit der Schiedsrichter solche versteckten Foulspiele überhaupt sehen kann, ist eine Voraussetzung unabdingbar: Sein Laufvermögen und Stellungsspiel auf dem Platz sowie ein möglichst optimaler Einblick ins Spielgeschehen – so wie in Hamburg der Blick des Unparteiischen in das Gewühl vor dem Eckstoß in der 14. Minute.
Marco Haase vom SV Holdenstedt ist Schiedsrichter-Referent beim Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV). Nach jedem Spieltag in der Fußball-Bundesliga beleuchtet der 41-jährige ehemalige Spitzen-Schiedsrichter exklusiv in der AZ und schonungslos den „Pfiff der Woche“. Haase erklärt, ob sich Fußball-Deutschland zu Recht oder Unrecht über die Schiedsrichterentscheidung aufregt.

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