So fassen junge Leute in der Politik Fuß

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Matthi Bolte trat 2002 in die Partei Bündnis 90/Die Grünen ein - heute spricht der 29-jährige als Abgeordneter der Partei im nordrhein-westfälischen Landtag. Foto: Caroline Seidel

Bielefeld (dpa/tmn) - Mitgestalten und Dinge ändern: Das ist für viele Jugendliche die Triebfeder, sich politisch zu engagieren. Die Parteien empfangen sie ohne ideologische Scheuklappen und mit guten Chancen.

Matthi Boltes erste Begegnung mit den Grünen war eine Tasse Gemüsesuppe in der Bielefelder Innenstadt. Er hat an diese Zeit nur gute Erinnerungen: Im Wahlkampfsommer 2002 ist der heute 29-jährige in die Partei eingetreten, hat gleich kräftig mitgemacht und dabei auch Nahrhaftes an die Wähler ausgeschenkt. Entgegen der Klischees vom langweiligen Flyer verteilen hat Bolte direkt Feuer gefangen.

Dabei begeistert sich die junge Generation der heute Unter-30-Jährigen mehrheitlich deutlich weniger für Politik als die Älteren, hat die Bertelsmann Stiftung in einer Studie herausgefunden. Nur ein Drittel der jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren finde Politik interessant, in der Gesamtbevölkerung treffe das auf immerhin jeden Zweiten zu.

Matthi Bolte ist einer davon. Inzwischen ist er als Abgeordneter in den nordrhein-westfälischen Landtag eingezogen und dort netzpolitischer Sprecher der Grünen geworden. "Es kamen einige Gründe zusammen, warum ich angefangen habe, mich politisch zu engagieren: Mein Wunsch, die damalige rot-grüne Regierung gegen den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber zu verteidigen, auch die Debatte um den Irak-Krieg, die mir sehr wichtig war", sagt Bolte. Außerdem komme er aus einer sehr politischen Familie.

Je besser die Bildung, umso größer ist das Interesse an Politik - in jeder Altersgruppe. Doch auch unter Studenten ist nur jedem vierten Politik und öffentliches Leben wichtig, so wenigen wie seit 20 Jahren nicht, sagen Wissenschaftler der Universität Konstanz.

Das beeinflusst auch den Politikstil. "Wir sind anders aufgewachsen als die vorige Politikergenerationen", sagt Bolte. "Die großen gesellschaftlichen Konflikte gibt es nicht mehr. Deshalb fällt es uns vielleicht leichter, mit Politikern anderer Parteien konstruktiv zu diskutieren."

Die Augsburgerin Anna Rasehorn (23) hat sich politisch anders orientiert. Sie hat sich für die Jusos entschieden und gerade den SPD-Parteichef Sigmar Gabriel klar mit einer Wette geschlagen. 40 neue Mitglieder würden die Jusos in Augsburg innerhalb eines Jahres neu hinzugewinnen, hatten sie Gabriel versprochen. Dafür sollte der endlich mal ihre Einladung zur Weihnachtsfeier annehmen. Gabriel nahm die Wette an, erhöhte aber von 40 auf 45. Gewonnen hat der Nachwuchs aus Augsburg trotzdem in nur zehn Monaten.

Anna Rasehorn hat in der Schule gemerkt, dass Freunde von ihr der Politik nichts abgewinnen können. Für sie war das eher ein Grund mehr, sich selbst zu engagieren. Heute steht sie fest auf zwei Standbeinen: Neben dem Vorsitz im Juso-Vorstand sitzt sie auch für die SPD im Stadtrat. "Bei den Jusos lernt man das Handwerkszeug, das Verfassen von Anträgen, die politischen Grundsatzdiskussionen, das Argumentieren." An politischen Entscheidungen vor Ort mitzuwirken, zuerst im Ortsbeirat und nun im Stadtrat, ist ihr ebenso wichtig. "Man sieht konkret, was man erreichen kann. Und die Erfolge, zum Beispiel die Rettung eines Jugendzentrums, motivieren."

Besonders hart sei es, sich nachhaltig Respekt in Partei- oder Kommunalgremien zu verschaffen. Das gelinge am besten, indem man sich inhaltlich tief in die Themen reinknie, die einem am Herzen liegen. Für sie selbst ist das die Jugend- und Sozialpolitik.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht gerade in der Kommunalpolitik gute Möglichkeiten für junge Menschen: "Der Einstieg ist vor Ort in der Regel einfacher als auf anderen Politikebenen." Dabei merke man schnell, wie spannend es sein kann, Gesellschaft zu gestalten. Er wünscht sich, dass sich junge Politiker stärker einmischen, wenn es um die Bildungs- und Jugendpolitik und die Gestaltung der digitalen Gesellschaft geht.

Worauf es dann konkret bei den ersten Schritten ankommt, weiß die 22-jährige Melanie Grupe. Erst in diesem Jahr ist sie in die Junge Union eingetreten. Weil ihr Kreisverband im brandenburgischen Landkreis Barnim im Dornröschenschlaf lag, hat sie die Ärmel hochgekrempelt. Inzwischen ist sie Kreisvorsitzende, hat ihren ersten Landtagswahlkampf mitgemacht und will nun mehr Mitglieder gewinnen.

Ihr Tipp an Jugendliche: Ohne Scheu zum ersten Treffen kommen, um sich gegenseitig kennenzulernen, dazu die Lust an eigenen Ideen mitbringen. Begeisterung und ein gutes Bauchgefühl, die seien anfangs viel wertvoller als jedes Fachwissen.

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