Steht Libyen vor Spaltung?

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Muammar al-Gaddafi wähnt sich als Sieger - aber die Städte im Osten Libyens dürfte er verloren haben.

Tripolis - Steht Libyen vor einer Spaltung? Während sich Muammar al-Gaddafi siegessicher gibt, sind Experten überzeugt, dass der Diktator die Städte im Osten für immer verloren hat.

Die Araber sind mehrheitlich dafür. Die Europäische Union zögert noch. Die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen ist an diesem Wochenende noch nicht in greifbare Nähe gerückt. Das bedeutet eine Atempause für Oberst Muammar al-Gaddafi, dessen Truppen jetzt einen strategisch wichtigen Küstenort im Osten zurückerobert haben und im Westen Misurata und Al-Sawija erneut unter Beschuss nehmen. “Brega ist von den Terrorbanden gesäubert“, verkünden die staatlichen Medien am Sonntag.

Doch Gaddafi und seine Getreuen, die am Sonntag schon über eine Steigerung der Öl-Exporte spekulieren und so tun, als hätten sie die Aufständischen bereits bezwungen, freuen sich vermutlich zu früh. Denn ihr Heer schrumpft und die Moral ihrer hastig zusammengestellten Hilfstruppen ist nicht gut. Am Wochenende kam es zu Gefechten zwischen Soldaten der Chamies-Brigade, nachdem ein Teil der Truppe desertiert war.

Die Rebellen behaupteten, sie hätten zwei Ägypter gefangen genommen. Diese hätten ihnen glaubhaft versichert, Gaddafis Truppen hätten ihre Familien in den Stützpunkt Bab al-Asisija in Tripolis gebracht. Sie hätten ihnen gedroht, ihren Angehörigen etwas anzutun, falls sie sich weigern sollten, gegen die Aufständischen zu kämpfen.

Doch selbst wenn Gaddafis Truppen Rebellenhochburgen wie Bengasi, Al-Baidha und Derna im Osten zurückerobern würden, könnten sie diese Städte nach Ansicht von Experten auf Dauer nicht halten. Ein langwieriger Guerillakrieg wäre zu erwarten.

Sollte sich die internationale Staatengemeinschaft doch dazu durchringen, ein Flugverbot zu verhängen, könnte dies ähnliche Folgen haben wie damals im Irak. Das Regime des irakischen Diktators Saddam Hussein brachte die Einrichtung der Flugverbotszonen im Norden und Süden des Landes zwar nicht zu Fall. Den Kurden im Norden des Irak bot diese Zwangsmaßnahme jedoch immerhin so viel Schutz, dass sie ein halbautonomes Gemeinwesen etablieren konnten, in dem sie sich vor den Schergen des Regimes halbwegs sicher fühlen konnten.

Auf Libyen übertragen, würde dies auf eine Spaltung des Landes hinauslaufen. Dann gäbe es ein West-Libyen unter Gaddafis Herrschaft und ein Ost-Libyen, das wahrscheinlich von einer islamisch-konservativ geprägten Führung verwaltet würde.

Eine andere Analogie zum Irak - dass ein militärisches Eingreifen zugunsten der Regimegegner als Einmischung anti-muslimisch eingestellter westlicher Staaten missverstanden würde - ist nach Einschätzung der Carnegie-Stiftung in Washington nicht zu befürchten. Denn die Islamisten stehen auf der Seite der Rebellen, und diese bitten die internationale Gemeinschaft seit Tagen darum, die Kampfflugzeuge Gaddafis aufzuhalten. Allerdings fordert die Stiftung die US-Regierung und ihre Verbündeten auf, unmissverständlich klarzustellen, dass sie von jeder künftigen Regierung in Libyen erwarten, dass diese keinen Raum für militante Islamisten lässt.

Sollte sich Gaddafi zumindest in einem Teil des Landes noch länger an der Macht halten können, dann würde dies bedeuten, dass dieses Gebiet wieder genauso isoliert dastehen würde wie einst. Denn in den vergangenen Wochen haben sich zahlreiche einstige Partner von dem cholerischen Oberst aus Tripolis abgewandt. Unter den arabischen Staatschefs scheint er überhaupt nur noch einen einzigen Freund zu haben: den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Das erscheint logisch. Zwar ist Assad weniger exzentrisch als Gaddafi, in Sachen Unterdrückung und Spitzelstaat spielen die beiden arabischen Staatschef jedoch in einer Liga.

Nach mehr als drei Wochen Blutvergießen in Libyen gibt es inzwischen auch erste Rufe nach einem direkten arabischen Eingreifen in dem nordafrikanischen Land. Mussa Keilani, ein Kommentator der jordanischen Zeitung “Jordan Times“, fordert: “Eine arabische Militärintervention ist notwendig, um die Menschen dort zu retten. Wer auf die Nato oder ein Eingreifen der USA wartet, verliert wertvolle Zeit.“

Anne-Beatrice Clasmann (dpa)

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