Im Berliner "Adlon" abgestiegen

Chodorkowski: Pläne für sein neues Leben

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Michail Chodorkowski wartet im Berliner Hotel "Adlon" darauf, seine Familie wieder in seine Arme schließen zu können.

Berlin - Michail Chodorkowski freut sich nun darauf, seine Familie endlich wieder zu sehen. Für die Zukunft hat der russische Regierungskritiker aber bereits erste Pläne geschmiedet.

Der russische Regierungskritiker Michail Chodorkowski wartet nach seiner Entlassung aus einem Straflager auf ein Wiedersehen mit seiner Familie in Berlin. Dem 50-Jährigen geht es nach Angaben des früheren Außenministers Hans-Dietrich Genscher den Umständen entsprechend gut. „Vor allen Dingen freut er sich darauf, dass er seine Familie nun in wenigen Stunden, wie er hofft, in die Arme schließen kann“, sagte Genscher, der Chodorkowski am Freitag in Berlin in Empfang genommen hatte, am Abend in den ARD-"Tagesthemen".

Wann Chodorkowskis gesamte Familie in Berlin eintrifft, war zunächst nicht bekannt. Die Sprecherin des Kreml-Kritikers, Olga Pispanen, teilte am Samstag jedoch mit, dass Chodorkowski bereits seinen ältesten Sohn Pawel sowie seine Eltern Marina und Boris in der Hauptstadt getroffen hat und nun mit ihnen zusammen ist. Menschenrechtler haben ihm bereits eine führende Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland angeboten.

Chodorkowski will sich für andere Gefangene einsetzen

Chodorkowski selbst möchte sich offenbar für andere Gefangene in seiner Heimat einsetzen: "Es gibt noch viel zu tun, die Freilassung der Geiseln, die noch im Gefängnis sind, vor allem Platon Lebedew", sagte Chodorkowski der kremlkritischen Zeitschrift "The New Times" in Moskau, für die er als Autor schreibt. Genauer will Chodorkowski sich bei einer Pressekonferenz am Sonntag um 13 Uhr zu seinen Zukunftsplänen äußern.

Ob und wann er allerdings in seine Heimat zurückkehrt, ist aber bislang offen. Nach Angaben des Kreml hat Chodorkowski jederzeit das Recht, nach Russland zurückzukehren. "Er ist frei, nach Russland zurückzukehren. Absolut", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Samstag. Peskow machte keine Angaben zu möglichen Bedingungen für die Freilassung. Auch äußerte er sich nicht dazu, ob Chodorkowski in seiner Heimat wieder politisch aktiv werden darf. In Berlin stieg der Kreml-Kritiker zunächst im Hotel "Adlon" ab.

US-Außenminister Kerry begrüßt Freilassung

US-Außenminister John Kerry begrüßte Chodorkowskis Freilassung. Die USA hätten sich wiederholt besorgt über mutmaßliche Verstöße in Gerichtsverfahren und eine selektive Strafverfolgung in Russland gezeigt, sagte Kerry laut einer Mitteilung des Außenministeriums in Washington vom Freitagabend (Ortszeit). Darin rief er zugleich dazu auf, Reformen fortzusetzen, die zu einem transparenten, unabhängigen und glaubwürdigen Justizsystem in dem Staat führten.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte seinen berühmtesten Rivalen am Freitag in einem spektakulären Schritt begnadigt und humanitäre Gründe dafür geltend gemacht. Chodorkowskis Mutter ist an Krebs erkrankt. Regulär hätte er nach zwei international umstrittenen Urteilen im August 2014 in Freiheit kommen sollen. Der frühere Chef des Ölkonzerns Yukos war unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Diebstahls verurteilt worden.

Chodorkowski glaubte, seine kranke Mutter sei in Berlin

Chodorkowski war bei seiner Freilassung wohl davon ausgegangen, dass seine Mutter in Berlin sei. Die russische Strafvollzugsbehörde teilte mit, Chodorkowski habe um die Ausreise nach Deutschland gebeten, weil dort seine krebskranke Mutter behandelt werde. Nachdem er das Straflager verlassen konnte, flog er sofort nach Berlin - in einem Firmenflugzeug, das Genscher organisiert hatte. Tatsächlich war Marina Chodorkowskaja jedoch längst nach Russland zurückgekehrt. Sie soll aber laut Aussage von Sprecherin Pispanen dazu bereit sein, "nach Berlin zu fliegen, um ihn endlich zu sehen und zu umarmen".

Genscher hatte sich hinter den Kulissen schon länger um die Freilassung Chodorkowskis bemüht und dazu nach eigenen Angaben auch zweimal Putin zu Gesprächen getroffen. Das Gnadengesuch Chodorkowskis habe er mit einem eigenen Brief weitergereicht, sagte er.

Leutheusser-Schnarrenberger fordert dauerhaftes Bleiberecht

Die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert ein dauerhaftes Bleiberecht für Chodorkowski in Deutschland. Wenn er dies wolle, sollte die Bundesregierung ihm einen Aufenthalt ermöglichen, sagte sie der „Passauer Neuen Presse“ vom Samstag. Sie schlug eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis oder politisches Asyl für Chodorkowski vor.

Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko forderte den Präsidenten seines Landes, Viktor Janukowitsch, in der „Bild“-Zeitung vom Samstag auf, Putins Beispiel zu folgen und die Begnadigung der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko zu erwirken.

dpa/AFP

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