Atom, nein danke: Deutsche gegen Stromimporte

Berlin - Eine Umfrage zeigt: Die Deutschen wollen vor 2020 komplett raus aus der Kernkraft, jedoch nicht zum Preis vom Atomstrom-Importen. Viele Bürger würden höhere Strompreise und -trassen hinter dem Haus akzeptieren.

Rund 70 Prozent der Deutschen lehnen den raschen Ausstieg aus der Kernkraft ab, wenn dann Atomstrom aus dem Ausland hinzugekauft werden muss. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa. Allerdings sind die Bürger ansonsten zu Opfern bereit, wenn ein Ausstieg ohne Atomstromimporte geschafft wird.

Eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent ist dafür, angesichts der Katastrophe von Fukushima noch vor dem Jahr 2020 komplett aus der Atomkraft auszusteigen. Dafür sind die Bürger bereit, Stromtrassen und höhere Preise in Kauf zu nehmen: 66 Prozent würden es hinnehmen, dass in der Nähe der eigenen vier Wände eine Stromautobahn errichtet wird. Bis zu 3600 Kilometer neuer Höchstspannungsleitungen sind nötig, um zum Beispiel künftig Windstrom von der See in den Süden Deutschlands zu schaffen.

Mit rund 48 Prozent ist fast die Hälfte der Befragten bereit, bis zu 40 Euro mehr pro Jahr für den Strom zu bezahlen, wenn dadurch die Energiewende beschleunigt wird - darunter besonders viele Frauen. Jeder Zweite wünscht sich, dass sich ein schnellerer Atomausstieg nicht negativ auf den Klimaschutz auswirkt, mehr CO2-Ausstoß durch vermehrte Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken also vermieden wird. Für die Umfrage wurden 1086 Bürger befragt.

Derzeit stehen 8 der 17 Akw wegen des dreimonatigen Atom-Moratoriums der Bundesregierung still. Aufgrund einer planmäßigen Revision liefert zudem die Anlage im bayerischen Grafenrheinfeld für einige Wochen keinen Strom. Bis Mitte Juni entscheidet die Regierung, welche Meiler für immer vom Netz müssen und wie lange die anderen noch laufen dürfen.

Wegen der abgeschalteten Kraftwerke wird verstärkt Atomstrom aus Frankreich importiert. Energieversorger warnen, dass dies zu einem Dauerzustand werden könnte, falls die Regierung überstürzt aus der Atomkraft aussteige.

Die vermehrten Importe haben aber nichts mit Stromknappheit in Deutschland zu tun - sondern damit, dass dieser Strom zu gewissen Tageszeiten für die Stromhändler günstiger ist, weil billiger Atomstrom aus deutschen Atomkraftwerken wegfällt.

Die CSU verlangt eine “nationale Kraftanstrengung“ und schnelle Signale für den Umbau der Energieversorgung und für den Netzausbau. “Ich denke da an mehrere Milliarden Euro, alles andere bringt nicht genügend Fortschritte“, sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt der “Süddeutschen Zeitung“. Es müssten “für kommende Haushalte von Bund und Ländern klare finanzielle Zielvorgaben für Investitionen beschlossen werden.“ Die Menschen müssten “erkennen, dass wir finanziell und baurechtlich klare Prioritäten setzen. Das ist auch eine Frage des Vertrauens.“

Angesichts der Atomkatastrophe in Fukushima fordert ein führendes Beratergremium der Regierung einen “Gesellschaftsvertrag“ zwischen Politik und Bürgern, um so rasch wie möglich eine grüne Energiewende zu schaffen. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen ist ein ehrgeiziger globaler Klimaschutz auch ohne Kernenergie möglich. Statt weiter stark auf Kohle und Öl zu setzen, müssten die Öko-Energien sowie die Stromnetze rascher ausgebaut werden. Dies kann nach Meinung der Forscher nur gelingen, wenn die Bürger besser mitgenommen werden.

“Wir sind der Meinung, dass es darum geht, für das 21. Jahrhundert einen neuen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln“, sagte der Vorsitzende Hans Joachim Schellnhuber bei der Vorstellung eines entsprechenden Gutachtens am Donnerstag in Berlin. Der Leiter des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagte, Deutschland sei hier weiter als viele andere Staaten, was etwa die Debatte über eine schnellere Energiewende betreffe. Er hoffe auf eine “Nachhaltigkeitsrevolution“, eine Ökoenergie-Wende berge riesiges ökonomisches Potenzial.

Der Co-Vorsitzende, Professor Dirk Messner, sagte, die Folgen eines Atomunfalls seien nicht zu versichern, zudem seien die langfristigen Umweltschäden durch die fossilen Energieträger wie Öl und Kohle viele Milliarden teurer als ein Umstieg auf Öko-Energien. Man brauche nach der Katastrophe von Fukushima einen weltweiten Diskurs über einen Umstieg.

dpa

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