Ein Porträt

Schlagen und ducken: Merkel als Boxerin

+
Die mächtigste Frau der Welt - Angela Merkel hat in ihrem Wahlkampf fast nichts falsch gemacht

Berlin - Das Besondere an Merkels Wahlkampf: Er verlief fast ohne Pannen. Trotzdem muss die wohl mächtigste Frau der Welt um ihre Regierung bangen.

Angela Merkel kann einstecken. Das hat sie wohl am deutlichsten bei der Entscheidung für Joachim Gauck bewiesen, den sie als Bundespräsidenten verhindern wollte - um sich dann einem FDP-Schachzug geschlagen zu geben. Merkel kann austeilen, wie es schon Wladimir Putin und Barack Obama erlebt haben. Und sie kann in Deckung gehen. Im Wahlkampf 2013 hat sie diese Taktik zum Leidwesen der Konkurrenz besonders oft angewendet. Bilanz: Beste Umfragewerte für ihre Union und sie persönlich. Die spannende Frage ist, ob das für ihr eisern verfolgtes Ziel reicht: die dritte Kanzlerschaft.

Vielleicht macht Boxtrainer-Legende Ulli Wegner deshalb gern Wahlkampf für die 59-Jährige, weil er ihre Nehmer-Qualitäten schätzt und ihren Angriff verbessern möchte. Merkel attackiert ihren SPD- Herausforderer Peer Steinbrück nie direkt. Sie vermeidet es vielmehr, auch nur seinen Namen zu nennen. Sie lässt sich nicht in die Ecke drängen. Mindestlohn? Klar, nur nicht gesetzlich festgelegt. Höhere Steuern? Nein, das Land stehe nach vier Merkel-Regierungsjahren gut da. Volles Adoptionsrecht für Homosexuelle? Schwierig, aber wenn es das Bundesverfassungsgericht vorschreibt, bitte sehr.

Etwas Vergleichbares wie Steinbrücks „Stinkefinger“ - bei Merkel undenkbar.

Über Jahre hatte Merkels schwarz-gelbe Koalition in Umfragen nicht mehr an ihr Wahlergebnis von 2009 (Union: 33,8; FDP: 14,6 Prozent) anknüpfen können. Vor allem die Streitereien zwischen CDU, CSU und FDP, Kurswechsel in Energie- und Verteidigungspolitik sowie gebrochene Steuersenkungsversprechen ließen Anhänger zweifeln. Aber je näher der Wahlkampf rückte und je mehr Fehler SPD und Grüne machten, desto besser wurden die Werte - die der Union, nicht die der FDP. Merkel machte im Wahlkampf so gut wie keinen Fehler. Etwas Vergleichbares wie Steinbrücks „Stinkefinger“ - bei Merkel undenkbar.

Es ist der 16. September, ein herbstlicher Abend. Gleich wird die CDU-Vorsitzende auf dem Bassinplatz in Potsdam auf die Bühne kommen und ihre Wahlkampfrede halten. Ulli Wegner sagt, Politik sei ein bisschen wie Boxen. Man müsse auch die schweren Phasen eines Kampfes durchstehen. Das könne Merkel. „Wir sind jetzt in der Stabilisierungsphase“, sagt der 71-Jährige sechs Tage vor der Wahl als verlaufe alles nach Trainingsplan für Merkel - seine Boxerin.

Ihre Rede in Potsdam hört sich so ähnlich an wie jene, die sie an der Ostsee, am Rhein, in Düsseldorf, Wiesbaden, Rüsselsheim und in den meisten anderen 60 Städten während dieses Wahlkampfes gehalten hat. Merkel spricht über den Zusammenhalt von Eltern und Kindern. Über die Chancen Europas, und dass sich die Anstrengungen für die Euro-Rettung lohnten. Über Rente, Bildung, Forschung und Träume.

Die Zuhörer reißt das nicht vom Hocker. Stimmung kommt eher auf, wenn sie wie in Potsdam auf pfeifende Demonstranten reagiert. Sie sei glücklich über die gemeinsamen europäischen Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit. In Griechenland und Portugal komme niemand ins Gefängnis, wenn er gegen sie protestiere - „wie auf diesem Platz“, ruft Merkel. Da johlen beide Seiten: Anhänger und Gegner.

Sie spricht aber kaum über die schleppende Energiewende, deren Bewältigung in der nächsten Wahlperiode die größte Herausforderung neben der Eurokrise sein wird. Sie weist in den Reden auch nicht groß darauf hin, dass sie die Pflegeversicherungsbeiträge erhöhen will.

Der Syrien-Krieg scheint kurz ein Problem für Merkel zu werden. Die Kanzlerin muss das Land regieren zwischen Solidarität mit den USA und deutschen Bürgern, die mit großer Mehrheit keine Kriege wollen. Doch Damaskus sendet Signale der Kooperation. Ein Militärschlag wird vertagt.

„Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt.“

Nur einmal in diesem Wahlkampf kommt Merkel in Bedrängnis. Nicht durch die NSA-Geheimdienstaffäre, nicht auf einem Marktplatz, nicht in einem Interview, sondern in der ARD- „Wahlarena“, wo Bürger der Kanzlerin Fragen stellen. Warum sie nicht wolle, dass er und sein Partner ein Kind adoptieren, fragt ein Homosexueller. Merkel sagt: „Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt.“ Empörung bei allen anderen Bundestagsparteien. Spott von der IG Metall erntet sie für ihre Reaktion auf einen Fragesteller, dass sie das Ausmaß an Missbrauch von Leiharbeit nicht gekannt habe.

Extrem misslich ist für Merkel auch die Forderung von CSU-Chef Horst Seehofer nach einer Pkw-Maut. Er hatte zwar versprochen, im Wahlkampf ein „schnurrendes Kätzchen“ und „kein brüllender Löwe“ zu sein. Aber nun faucht er, er unterschreibe keinen Koalitionsvertrag ohne Maut. Merkel sieht sich schließlich genötigt, zu erklären: „Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben.“ Sollten beide Wort halten, müsste Merkel im Fall einer Wiederwahl eine Koalition ohne Seehofer bilden. Der hält sich nach der Rückkehr der CSU zur absoluten Mehrheit bei der bayerischen Landtagswahl am vergangenen Sonntag aber gerade für unersetzlich, wie im Konrad-Adenauer-Haus gelästert wird.

Gefährlich kann der Union aber die Kampagne der FDP werden, die die Wähler um ihre Zweitstimme bittet, um Schwarz-Gelb zu sichern. Das könnte zulasten der Union gehen, die bei knapp 40 Prozent liegt und unbedingt so stark werden will, dass ohne sie keine Koalition möglich ist. „Die Wahl wird sehr knapp ausgehen“, mahnt Merkel.

Die Union richtet alle Hoffnungen auf ihre Vorsitzende - die einst für eine Übergangslösung gehaltene Pfarrerstochter aus der DDR, die inzwischen als mächtigste Frau der Welt gilt. Darüber, was - und wann - die Partei einmal ohne sie sein könnte, wird geschwiegen. Die CDU will jetzt nur an der Macht bleiben. Zur Not auch in einer Koalition mit der SPD, die laut Umfragen keine Chance auf Rot-Grün hat.

Den SPD-Wahlkampf unterstützt der Schlagerstar Roland Kaiser. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche behauptet kess, die SPD (mit ihrem schachspielenden Steinbrück) habe wegen Merkels Stärke aber dieses Lied verboten: „Schachmatt durch die Dame im Spiel, (...) Schachmatt, denn sie spielte sehr klug (...)“. Doch das stimmt nicht. Nach Angaben einer Konzertagentur spielt Kaiser bei SPD-Auftritten immer seine größten Hits. Darunter auch „Schachmatt“.

Übrigens singt Kaiser bei der SPD, die eine große Koalition der Opposition vielleicht vorziehen würde, auch: „Manchmal möchte ich schon mit Dir“ und „Alles, was Du willst“.

dpa

Angela Merkel: Ein Porträt in Bildern

Kommentare