Lüneburg - Nur noch wenige Tage, dann soll der Atommüll aus Frankreich kommen. Für die Castor-Gegner beginnt die heiße Phase des Widerstands. Es tut sich was zwischen Gorleben und Lüneburg - in Scheunen, Wäldern und vor Gericht.

In einer Scheune bemalt die Atomkraftgegnerin Susanne Prottengeyer in Lemgrabe ( Kreis Lüneburg) Stahlfässer mit gelber Farbe. Nicht nur im Wendland, auch im benachbarten Landkreis Lüneburg laufen die Vorbereitungen der Castor-Gegner auf Hochtouren.
Nach der Polizei haben auch die ersten Mitglieder der Kampagne „Castor Schottern“ ihre Quartiere im Wendland bezogen. Das erste Trainig für nächtliche Einsätze im Wald liege hinter ihnen, sagt Mischa Aschmoneit. Im Aktionsbüro der Anti-Atom-Initiative „X-tausendmal quer“ in Dannenberg laufen die Telefone bereits heiß. „Wir haben bundesweit Sitzblockaden geübt und deeskalierendes Verhalten trainiert, an diesem Wochenende auch in Lüneburg und Uelzen“, berichtet Luise Neumann-Cosel.
In einer Woche könnte es ernst werden. Dann wird der Castor-Transport im niedersächsischen Wendland erwartet. In einer mit Weinranken überwachsenen Scheune in Lemgrabe im Kreis Lüneburg trifft Susanne Prottengeyer letzte Vorbereitungen. Die 51-Jährige versieht 30 gelb bemalte Stahlfässer mit schwarzen Atomkraftsymbolen, auch Tochter Janika (11) und Sohn Jorma (17) haben geholfen. „Ich bin seit 30 Jahren im Widerstand dabei - mindestens“, sagt Prottengeyer, „das sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig“. Die Fässer sollen im nahen Protest-Camp Oldendorf an den Gleisen aufgestellt werden.
Über die Klage entschieden ist noch nicht. Das Verfahren hängt beim Amtsgericht. „Doch das hat uns erst am 6. Dezember einen Verhandlungstermin anberaumt - dann ist der Castor-Zug längst durch. Deshalb haben wir einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gestellt, ich hoffe auf eine schnelle Entscheidung. Doch die steht aus, weil das Amtsgericht sich entgegen Gesetz und Rechtsprechung auch da für nicht zuständig hält“, beklagt Finck.
„Ich habe aus der Geschichte gelernt und werde in diesem Jahr unten im Dorf schlafen“, sagt Helga Janssen. Die 65-Jährige schaut nachdenklich aus dem Fenster ihres gemütlichen Häuschens - „unser Hexenhäuschen“ nennt sie das kleine Fachwerkgebäude, ein altes Backhaus. „Wir haben immer gewusst, dass es mehr strahlt als sie zugeben“, sagt sie und wird plötzlich ganz ernst.
„Das ist Verrat an der Schöpfung. Ich finde es unerträglich, dass unsere Generation allen nachfolgenden Generationen für eine Million Jahre diesen hochgiftigen, radioaktiven Müll hinterlässt“, sagt die sonst so lebenslustig wirkende Religions-Lehrerin. „Man fühlt sich so machtlos“, bricht es aus ihr heraus. „Diese Ohnmacht hat mich all die Jahre motiviert. Ich habe in das Gesicht meines Sohnes geschaut - da wusste ich, wofür ich das alles mache.“
Quelle: Kreiszeitung
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