Gardelegen. Kirchenglocken haben etwas Zeitloses.

Gardelegens Küster Hans-Otto Bohlecke neben der ältesten Glocke im Marienkirchturm. Die „Werkeldagesche“ stammt aus dem Jahr 1505 und wurde früher zu Gottesdiensten in der Woche geläutet.
Über Jahrhunderte hängen sie, scheinbar ohne Schaden zu nehmen, in ihren Türmen und laden im immer gleichen Rhythmus zu Gottesdiensten ein, während weit unter ihnen Kriege geführt und Verträge geschlossen werden, ja sogar ganze Epochen aufblühen und wieder vergehen.
Doch irgendwann wird selbst diese kleine Ewigkeit einmal unterbrochen. Dann nämlich, wenn eine Kirchenglocke repariert werden muss. Für die Glocken in der Gardelegener Marienkirche ist dieser Zeitpunkt nun gekommen. Weil ein Sachverständiger des Kreiskirchenamtes bei einer Prüfung der Glockenaufhängung festgestellt hatte, dass diese nicht mehr stabil genug sei, habe man sich entschlossen, die drei großen Glocken der Gardelegener Hauptkirche zu erneuern, informierte Rainer Wellkisch, Kirchenbaureferent des Kirchenkreises Salzwedel. Zwei der vier alten Damen sollen dabei in der Spezialgießerei Lachenmeyer in Hessen mit neuen Bügeln, so genannten Kronenhenkeln, versehen werden. Die große Hauptglocke solle in einem besonderen Gussverfahren gar eine komplett neue Krone – so wird die Basis der Glocke genannt – einschließlich neuer Kronenhenkel erhalten. Vorausgesetzt, die finanziellen Mittel werden bereit gestellt, wolle man die Glocken noch in diesem Jahr in die Gießerei bringen, erklärte Welkisch weiter. Im Zuge der Sanierung der Glockenkörper werde auch die elektrische Läutanlage im Turm der Marienkirche erneuert.
Rund 110 000 Euro sollen in die Maßnahme investiert werden. An der Finanzierung würden sich neben dem Kirchenkreis und der evangelischen Landeskirche voraussichtlich auch private Sponsoren beteiligen, sagte der Baureferent. Bis zur Erneuerung der Glocken bestehe aus Sicherheitsgründen nun erstmal ein eingeschränktes Läuteverbot für die Kirche.
Die Attraktion unter den Klangkörpern der Marienkirche ist jedoch unumstritten die so genannte „Große“. Im Jahr 1599 vom Magdeburger Glockengießer Heinrich Borstelman gegossen, bringe sie ganze 4,2 Tonnen auf die Waage, so Bohlecke. Auf der Glocke ist neben einer Kreuzigungsszene auch das historische Wappen der Hansestadt mit fünf statt der sonst üblichen drei oder vier Hopfenstangen zu sehen. „Das ist schon eine Besonderheit“, betont der Küster.
Die vierte im Bunde ist schließlich die kleine „Schelle“. Fällt sie mit nur 100 Kilogramm in ihrer Größe eher bescheiden aus, so kann sie durch ihr Alter umso mehr überzeugen. Denn genau wie die „Werkeldagesche“ stammt sie aus dem Jahr 1505. Seit mehr als 500 Jahren verkündet die Schelle der Stadt mit ihrem hellen Klang die volle Stunde. Und: Sie allein wird auch während der Sanierung ihrer drei großen Schwestern im Kirchturm läuten. Denn allein die kleine Schelle ist auch nach so langer Zeit im Dienst ganz und gar in Takt.
Neben den Glocken soll auch die Orgel der Marienkirche in absehbarer Zeit saniert werden. Hans-Otto Bohlecke erklärt, die Ausschreibungen für die Auftragsvergabe würden bereits laufen, man warte derzeit aber noch auf die Zusage der finanziellen Mittel.
Mit der Sanierung und der neuen Aufhängung im Glockenstuhl werde sich übrigens auch der Klang der Großen Drei verbessern, glaubt Hans-Otto Bohlecke. Geht bei der Sanierung alles gut, werden die Gardelegener das weithin hörbare Läuten ihrer Glocken dann wohl wieder eine kleine Ewigkeit lang genießen können.
Von Alexander Walter
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